Histories

Die Reformation: Eine Spurensuche in Burgen und Schlössern

André Thieme /

Schloss Rochlitz: Sonderausstellung 2014

1517: Luther bringt alles durcheinander.

Luthers revolutionäre Vorstellungen vom Glauben erschüttern die christliche Kirche und ihre Institutionen. Wir haben modern übersetzt, was Luther behauptet:

Gott ist barmherzig. Sünden werden durch Reue erlöst, nicht durch Geld.

Alle Menschen können direkt zu Gott sprechen.

Jeder Gläubige ist auch ein Priester – und alle Gläubigen erhalten deshalb beim Abendmahl Brot und Wein.

Luthers 95 Thesen erschüttern nicht nur den alten Glauben. Gerade Sachsen wird auch politisch heftig durchgerüttelt. Die Wogen schlagen über die Mauern der Schlösser und Burgen hinweg. Und einige der alten Gemäuer werden zu Leuchttürmen im Ringen für oder gegen den neuen Glauben.

Da ist vor allem Schloss Rochlitz:

Hierher kommt als Witwe 1537 Elisabeth, Herzogin von Sachsen, die Schwiegertochter Herzog Georgs des Bärtigen. Und Georg ist der erbittertste Feind Luthers. Elisabeth bekennt sich zum neuen lutherischen Glauben. Gegen den tobenden Georg führt sie in Rochlitz den neuen Glauben ein. Das Schloss wird zu einem Hotspot der Reformation.

 

Im Schmalkaldischen Krieg – in dem sich evangelische Fürsten gegen Kaiser Karl V. auflehnen – spioniert Elisabeth erfolgreich. Um ihren lutherischen Verbündeten Nachrichten zu schicken, entwickelt sie eine Geheimschrift.

Elisabeth von Rochlitz ist eine der energischsten und einflussreichsten Frauen der Reformation. Lange war sie von der Geschichte vergessen. Eine große Sonderausstellung auf Schloss Rochlitz hat sie 2014 neu ins Licht gerückt (hier geht's zum Trailer auf YouTube). Ihr Leben – erfolgreich und tragisch zugleich – haben wir dafür in einem Film zusammengepackt.

 

Aber die Reformation produziert noch ganz andere verrückte Geschichten:

Gleich neben der Albrechtsburg Meissen, im Dom, will Herzog Georg der Bärtige ein Zeichen setzen: Benno, vor 500 Jahren Bischof in Meißen, soll zum Heiligen werden. Viel Geld fließt nach Rom und es klappt. 1523 spricht der Papst den alten Bischof heilig. Luther wettert gegen den „neuen Abgott und alten Teufel“.

Nach Herzog Georgs Tod ist die Reformation nicht aufzuhalten. Bürger stürmen 1539 den Dom und zerstören das Grab des Heiligen. Aber Bennos Gebeine können gerettet werden. Sie liegen heute in München, wo Benno zum Stadtpatron aufsteigt.

 

Die ganze spannende Geschichte könnt ihr im Ausstellungskatalog Benno von Meißen – Ein Schatz nicht von Gold nachlesen, der zu unserer großen Sonderausstellung auf der Albrechtsburg Meissen im Jahr 2017 beim Imhof-Verlag erschienen ist.

 

Zum Ausstellungstrailer auf YouTube

Die Besitzer der Burg Weesenstein, die Herren von Bünau, verweigern sich zunächst dem Luthertum – und weichen nach Böhmen aus, wo sie beim alten Glauben bleiben können. In Böhmen werden sie schließlich doch lutherisch, wie der größte Teil des böhmischen Adels auch. Als im 17. Jahrhundert die Gegenreformation zuschlägt, fliehen sie erneut; diesmal zurück ins lutherische Sachsen.

In Gnandstein lehnt sich Burgherr Heinrich Hildebrand von Einsiedel schon in den 1520er Jahren weit aus dem Fenster: Gegen den Willen Herzog Georgs des Bärtigen beruft er einen lutherischen Pfarrer. Georg tobt, droht und sanktioniert. Heinrich Hildebrand knickt ein und entlässt den Pfarrer. Jetzt freilich tobt Luther. Heinrich Hildebrand folgt seinem Gewissen, bestellt erneut einen evangelischen Pastor und widersteht dem Druck des Herzogs bis zu dessen Tod. Das kleine Gnandstein geht in die Annalen der Reformationsgeschichte ein.

Für das Kloster Altzella geht es um alles. Kein Wunder, dass dessen Abt Paul Bachmann den Reformator Luther als „wild geiferndes Eberschwein“ beschimpft. Aber vergeblich: Als Herzog Heinrich der Fromme 1539 dann doch die Reformation im albertinischen Sachsen einführt, wird auch Kloster Altzella aufgelöst. Die einstige Prachtanlage verfällt.

Auch für Bischof Johann IX. geht es um alles. Aus Meißen haben sich die Bischöfe längst auf ihre Burg Stolpen zurückgezogen. Und hier harrt Johann IX. sogar noch einige Jahre nach dem Tod des 1546 selig entschlafenen „wild geifernden Eberschweins“ Luther aus – in einer letzten altgläubigen Bastion, die vom lutherischen Kurfürsten von Sachsen hart bedrängt wird. Hierher werden auch die heimlich aus Meißen geretteten Gebeine des Heiligen Benno gebracht. Ausgerechnet eine als „Saukrieg“ bekannt gewordene Fehde gegen die bischöflichen Herrschaften zwingt den letzten Meißner Bischof schließlich doch zur Aufgabe. 1559 verkauft er Burg und Herrschaft Stolpen, wo man nun lutherisch wird. 

Dr. André Thieme leitet den Bereich Museen und könnte als Historiker noch viel mehr Geschichten über die Reformation erzählen.

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Letzte Änderung: 30.04.2020

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