Histories

Ein Burgherr zwischen den Stühlen: Heinrich Hildebrand von Einsiedel und die Reformation

Falk Schulze / Peter Dänhardt /

Porträt Heinrich Hildebrand von Einsiedels
Seit 1517 spaltete der Kampf für oder gegen den neuen lutherischen Glauben das Reich. Burgherr Heinrich Hildebrand von Einsiedel traf Martin Luther persönlich – und wurde von dessen neuer Glaubenslehre überzeugt. Doch ein Konfessionswechsel sollte für ihn und seine Untertanen alles andere als einfach werden.

Heinrich Hildebrand von Einsiedel kommt am 29. September 1497 zur Welt. Er studiert an der Universität Leipzig, wo viele angesehene Professoren unterrichten und humanistisches Gedankengut sehr verbreitet ist. Im Jahr 1517, dem Jahr des lutherischen Thesenanschlags, heiratet er standesgemäß Elisabeth von Haugwitz. Aus dieser Ehe werden sage und schreibe 14 Kinder hervorgehen.

Nach dem Tod seines Stiefbruders Haugold im Jahr 1522 übernimmt Heinrich Hildebrand die Herrschaft der Burg Gnandstein, zunächst gemeinsam mit seinem Bruder. Die Burg ist damals nicht unbedingt ein politischer Hotspot, doch haben sich schon einige Mitglieder seiner Familie als Berater und Diplomaten sächsischer Herzöge und Kurfürsten hervorgetan.

Unruhige Zeiten

Als Herr auf Gnandstein ist Heinrich Hildebrand in einer besonderen Position – zu einer besonderen Zeit. Er hält Besitzungen in den beiden damals getrennten sächsischen Ländern: dem Kurfürstentum und dem Herzogtum. Während die provokanten Thesen Martin Luthers in Sachsen für Unruhe sorgen, ist er deshalb zwei Lehnsherren zu Treue verpflichtet: dem ernestinischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen und dem albertinischen Herzog Georg dem Bärtigen. Doch Georg ist ein Verteidiger des katholischen Glaubens und Gegner Luthers, Friedrich hingegen dessen Schutzpatron. Und Heinrich Hildebrand mittendrin.

Die Treffen mit Luther

Der Gnandsteiner Burgherr dürfte Luther das erste Mal im Juli 1519 in Leipzig persönlich begegnet sein. Herzog Georg hatte hier ein Streitgespräch zwischen dem Reformator und weiteren Theologen initiiert, die sogenannte Leipziger Disputation. Sicher ist, dass Heinrich Hildebrand Luther auch während des Reichstags in Worms 1521 und im März 1522 in Borna trifft.

Ein Jahr später ist aus Heinrich Hildebrand ein Streiter für die protestantische Sache geworden: 1523 hält er sich als Rat Friedrichs des Weisen in Prag auf, um ein evangelisches Bekenntnis des kurfürstlichen Bruders Johann auszusprechen. Und auch in seiner Herrschaft Gnandstein kommen die Ideen Luthers gut an: So predigt der dortige Pfarrer nicht nur auf Deutsch, sondern heiratet 1525 auch seine Verlobte. Auch sein Nachfolger ist ein evangelisch-lutherischer Prediger aus Wittenberg.

Sie sind ein seltsames und einzigartiges Licht im verworrenen Dunkel des Adels dieses Jahrhunderts.

Martin Luther 1541 über die Familie von Einsiedel

Im Konflikt mit dem Lehnsherrn

Mit seiner Unterstützung der evangelischen Sache steht Heinrich Hildebrand natürlich im Widerspruch zu Herzog Georg. Dieser erlässt daraufhin ein folgenreiches Verbot: Die Bauern der Einsiedelschen Dörfer im Herzogtum Sachsen dürfen ihren Herren weder Zinsen noch Rentenabgaben leisten. Auch die bäuerlichen Frondienste werden untersagt. Einsiedel gerät wirtschaftlich unter Druck! Außerdem soll er sich als guter Katholik beweisen, indem er unter anderem den evangelischen Priester im herzoglichen Teil verjagen und durch einen katholischen Prediger ersetzen soll. Andernfalls sei er gezwungen, seine Besitzungen im albertinischen Teil Sachsens zu verkaufen und das Herzogtum zu verlassen.

 

Auch wenn sich Heinrich Hildebrand den Forderungen des Herzogs zunächst beugt – die Ideen Martin Luthers sind nicht aufzuhalten. Und im September 1528 tritt mit Nikolaus Mühlich erneut ein evangelischer Pfarrer seinen Dienst in Gnandstein an. Den Kontakt zu den Reformatoren rund um Martin Luther hält Heinrich Hildebrand trotz Herzog Georgs Drohungen aufrecht. Aber erst der Tod Herzog Georgs im Jahr 1539 beendet die schwierige Situation, denn nun wird auch das albertinische Herzogtum Sachsen lutherisch.

Ein beachtliches Erbe

Bis zu seinem Tod am 6. Dezember 1557 führt Heinrich Hildebrand seine Herrschaft Gnandstein gut und sicher durch schwierige Zeiten. Dabei liegt ihm auch die Entlastung „seiner“ Bauern am Herzen. Zu diesem Zweck verfügt er testamentarisch eine Stiftung zur Unterstützung der Dörfler, die von seinen Söhnen fortgeführt wird.

 

Am Ende hat Heinrich Hildebrand fünf sächsischen Herzögen und Kurfürsten als Rat zur Seite gestanden und dabei mit den großen Reformatoren seiner Zeit wie Martin Luther oder Georg Spalatin korrespondiert. Heinrich Hildesbrands Söhne Johannes und Hildebrand II. erben schließlich den Gnandsteiner Besitz. Die übrigen Söhne begründen die Linie Sahlis, Scharfenstein und Syhra. Damit zählt Heinrich Hildebrand nicht nur für die Einsiedelsche Familiengeschichte, sondern auch für die sächsische Landesgeschichte zu den spannendsten Figuren der Zeit.

Falk Schulze arbeitet als Museologe auf Burg Gnandstein.

Dr. Peter Dänhardt kümmert sich in gleicher Rolle um Schloss Nossen und den Klosterpark Altzella.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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