Gartenkunst

Wenn die Zitronen blühen

Dr. Simone Balsam /

Seit jeher hatten die sächsischen Kurfürsten ein Faible für die wohlriechenden und schmackhaften Früchte des Südens. Seit 2013 erinnern die Sächsischen Zitrustage an diese hochherrschaftliche Leidenschaft. Nun muss die Veranstaltung zum zweiten Mal in Folge ausfallen.

Wie hatten wir uns darauf gefreut, die Sächsischen Zitrustage in diesem Jahr wieder zu veranstalten! Es sollte ein berauschendes Fest voller exotischer Farben, Formen und Düfte werden. Die großzügige Anlage des Barockgartens Großsedlitz hätte wieder den passenden Rahmen gegeben. Allein die derzeitige Situation lässt eine solche Veranstaltung leider nach wie vor nicht zu. Und so mussten wir in den sauren Apfel beißen und die Zitrustage erneut absagen. An die Geschichte der Zitrusfrüchte in Sachsen soll daher dieses Jahr vor allem virtuell erinnert werden.

 

Fürstliche Kostbarkeiten

Wohl vor rund 500 Jahren gelangten erste Zitrusfrüchte nach Sachsen. Kurfürst Friedrich der Weise erhielt 1521 von dem Nürnberger Patrizier Anton Tucher ein Geschenk: eine „Schachtel“, die 100 Pomeranzen enthielt. Möglicherweise waren die Früchte eingelegt oder kandiert, um sie für den langen Transport aus Italien haltbar zu machen. Zu dieser Zeit wurden Pomeranzen und Limonen (Zitronen) zunächst als Zutaten in der Hofküche erwähnt.

Rund 50 Jahre später erhielt Kurfürst August von Sachsen, Vater August genannt, einige Pomeranzen-Pflanzen als Geschenk für seine Dresdner Residenz. Kaiser Maximilian II. hatte ihm die Bäumchen aus Wien gesandt. Kurfürst August bedankte sich und notierte, dieses Geschenk sei ihm „ganz lieb und angenehm gewesen“, da fruchttragende „Pommeranzen Beumlein“ hierzulande selten seien.

Auch August der Starke ließ sich vor 300 Jahren seine Leidenschaft für Orangenbäume einiges kosten. Vielleicht, weil er in den exotischen Früchten ein Symbol für die Unsterblichkeit des Herrscherhauses sah.

Diese herrlichen Bäume in einem ihrer Natur feindlichen Klima zu ziehen, ist wahrlich die Lust der Fürsten und großen Herren.

Olivier de Serres

Mehr als Orangen und Zitronen

Zum Schutz der empfindlichen Pflanzen während der Winterzeit entstanden die sogenannten Orangerien. In einer solchen Orangerie waren Zitrus die namensgebenden und beliebtesten Pflanzen – bei weitem jedoch nicht die einzigen. Neben den Zitruspflanzen waren Lorbeer, Buchsbaum, Jasmin, Myrte, Granatapfel – aber auch Nelken oder Rosen vertreten. Damals galten sie als kostbar und selten. Ihre Überwinterung erforderte vielerlei Künste. Häufig wurden fremdländische Pflanzen eher sicherheitshalber in der Orangerie untergebracht.

 

Bunte Vielfalt

Auch in Großsedlitz wurden seit der Barockzeit wertvolle Orangenbäumchen gepflegt. Nachdem noch vor dem Zweiten Weltkrieg die letzten Pflanzen aus Großsedlitz verschwunden waren, wurde erst 1997 damit begonnen, die Tradition der Zitrusfrüchte hier wieder aufleben zu lassen. Eine Rarität ist das Sortiment historischer Zitruspflanzen, das inzwischen in Großsedlitz kultiviert wird. Sie vermögen einen kleinen Eindruck der Vielzahl der Arten und Varietäten der Zitruspflanzen zu geben. Mit ihren häufig außergewöhnlich geformten und gefärbten Früchten und besonderem Laub sind sie echte Hingucker.

Dazu zählen die sogenannten Pomeranzen oder Bitterorangen (Citrus ×aurantium). Sie zeichnen sich durch rein weiße Blüten mit köstlichem Duft und leuchtende Früchte aus. Noch dekorativer sind die Früchte der sogenannten Deutschen Landsknechtshose (Citrus ×aurantium ‚Fasciata‘). Auf ihnen zeigen sich unterschiedlich breite, wulstige und intensiv zweifarbige Streifen, die sich im Verlauf der Reife von hellgelb-grün zu gelb-orange verändern. Besonders außergewöhnlich zeigt sich Citrus medica var. sarcodactylis – auch ‚Buddhas Hand' genannt. Ihre Früchte ähneln in ihrem Aussehen einer Hand. Diese bizarre Form entsteht dadurch, dass sich die normalerweise verwachsenen Fruchtblätter im oberen Bereich trennen und jeweils eine eigene Schale entwickeln.

 

Es gäbe noch viel mehr über diese faszinierenden Früchte und die Orangerien vergangener Jahrhunderte zu berichten. Und das wollen wir auch tun. Derzeit arbeiten wir an einer virtuellen Variante der Zitrustage, die bald auf diesem Wissensportal erscheinen soll.

Dr. Simone Balsam kuratiert die Sächsischen Zitrustage und ist jedes Mal aufs Neue von der vielfältigen Pracht der Zitrusfrüchte fasziniert.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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