Gartenkunst

Pflanze des Monats: Das Leberblümchen in Altzella

Michael Aehnelt /

In zartem Blau und Violett strahlen die Blüten des Leberblümchens
Die Parks und Gärten im Schlösserland Sachsen können so manche botanische Kostbarkeit vorweisen. Michael Aehnelt, aus dem Bereich „Gärten“, erzählt von einem ganz besonderen Frühlingsboten.

Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte / Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land …

Eduard Mörike

… diese Verse – im 19. Jahrhundert von Eduard Mörike zu Papier gebracht – hat wohl jeder von uns schon einmal gehört. Eingewebt in dieses sinnbildliche blaue Band des Frühlings sind gewiss auch die leuchtend blauen Blüten des Leberblümchens. Die Blüten eines seltenen, zeitig im Jahr blühenden Hahnenfußgewächses, das auch im Klosterpark Altzella anzutreffen ist.

Eine Seltenheit in Sachsen

Wann und auf welchem Wege das Leberblümchen in den Klosterpark gelangt ist, kann zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr zweifelsfrei nachvollzogen werden – gewiss ist jedoch, dass es sich bei dem Altzellaer Vorkommen um eines von ganz wenigen in Sachsen handelt – eine botanische Kostbarkeit also ohne Zweifel.

 

Würde man dieser Tage einen Osterspaziergang durch den Klosterpark Altzella unternehmen, dann möglicherweise auch, um die an diesem Ort so überaus vielfältige und besonders reizvolle Verbindung von Natur und Spiritualität ganz bewusst wahrzunehmen, die Stimmung aufzunehmen, zu reflektieren. Der von Hofgärtner Johann Gottfried Hübler zu Beginn des 19. Jahrhunderts, unter Einbeziehung von Teilen der heute ruinösen Gebäudesubstanz des ehemaligen Klosters, angelegte romantische Landschaftspark, ist Bestandteil der historischen Klosteranlage. Sie ist in ihrer Gesamtheit von herausragendem Denkmalwert.

Wo wachsen Leberblümchen?

Lenkte man seine Schritte über die Kieswege, vorbei am Mausoleum, den stattlichen, altehrwürdigen Rotbuchenbeständen hin zu den verbliebenen Gebäuderesten aus der Klosterzeit und ließe seine Augen in der wieder erwachenden Natur schweifen, dann könnte man sehr bald ganz in der Nähe des ehemaligen Mühlgrabens die aus dem Laubresten am Boden bläulich herausschimmernden Blütenköpfchen des Leberblümchens (Hepatica nobilis [L.] Schreb.) entdecken.

 

 

Vorwitzchen, Fastenblume oder auch Feigerl

Je nach Region wurde der Vorfrühlingsblüher auch mit so klangvollen Trivialnamen wie Güldenleberkraut, Vorwitzchen, Fastenblume oder auch Feigerl - um nur einige wenige zu nennen - bedacht. Der hier gebräuchliche Name deutet auf die dreilappige Form der Laubblätter hin, die in Ihrer Gestalt an die einer menschlichen Leber erinnert. Das lateinische Wort „hepatiarius“, was so viel heißt wie „zur Leber gehörend“, findet sich in der Gattungsbezeichnung des botanischen Namens wieder.

Nach der Signaturenlehre des Schweizer Arztes Paracelsus - der Lehre von den Zeichen der Natur - sollen Pflanzen oder Pflanzenteile selbst anzeigen, für jeweils welche Organerkrankung sie erfolgversprechend offizinell anwendbar sind. Das Leberblümchen mit seinen dreilappigen Laub also gegen Lebererkrankungen.

… in Wein gesotten öffnet es die verstopfte Leber und treibt den Harn … löscht allerley Hitz. Dasgleichen thut das Wasser, das hiervon gebrannt.

Hieronymus Bock

Ein Frühblüher mit eigenen Ansprüchen

In der Volksheilkunde findet die Pflanze heute kaum noch Verwendung, da sie in der Natur sehr selten geworden ist und inzwischen zu den geschützten Arten zählt. Naturentnahmen sind somit untersagt und wären zu dem Zweck mit ihnen eventuell den eigenen Garten zu bereichern, ehedem nicht sonderlich erfolgversprechend, denn die Art stellt Ansprüche und sucht sich ihre Standorte gerne schon mal selbst aus.

 

Das mehrjährige, krautige Gewächs stellt an sonnigen Vorfrühlingstagen trotz der Kühle seinen leicht berauschend duftenden, gleichsam fragilen wie bezaubernden Blütenflor zur Schau - und dies in einem Farbton, den es zu dieser Jahreszeit zu suchen gilt. Besonders die zeitig im Jahr fliegenden Hummeln und Wildbienen wissen den Frühlingsboten zu schätzen. Zählt sein Nektarangebot doch mit zu den allerfrühesten Nahrungsquellen im Jahr.

 

Für so manchen Pflanzenliebhaber ist das Leberblümchen in seiner Sortenvielfalt ein begehrtes Sammelobjekt geworden. Es gibt vielerlei Kulturvarietäten die sich in Form und Farbe der Blüten und des Laubes voneinander unterscheiden.

Leberblümchen stellen - wie schon erwähnt - an den Standort gewisse Anforderungen. Es ist langlebig, wenn es auf humus- und kalkreichen, ausreichend feuchten Lehmböden in lichtschattigen Laubwäldern ungestört wachsen kann. All das scheint auf den Standort in Altzella zuzutreffen. Auf jeden Fall fühlen sie sich im Klosterpark augenscheinlich noch recht wohl, denn der Bestand vermehrt sich sowohl über Wurzelausläufer als auch durch Selbstaussaat in einem erfreulichen Maße. Es sind nicht zuletzt die Ameisen, die fleißig die Verteilung der gehaltvollen Samenkörner in die umliegenden Parkbereich bewerkstelligen und damit einen wichtigen Part bei der Besiedlung weiterer günstiger Standorte übernehmen. Man bezeichnet diese Verbreitungsart auch als Ameisenausbreitung oder Myrmecochorie.

 

Klimaveränderungen - eine Herausforderung für die Zukunft

Die vom Menschen verursachten Klimaveränderungen und in diesem Zusammenhang besonders der zunehmende Wassermangel, wird es auch dieser Art - trotz 50 cm in die Tiefe reichender Wurzeln - zukünftig schwer machen, an den verbliebenen Standorten langfristig zu überdauern. Wegfallende Beschattungen durch die Entnahmen vertrockneter Gehölze - wo es notwendig ist - tun dabei ihr übriges. Es bleibt zu hoffen, dass nicht zuletzt dank gärtnerischen Sachverstands, Umsicht und Weitblick die Bestände an dem besonders geschützten Standort, dem Gartendenkmal Klosterpark Altzella, gut überdauern, damit sich unsere Besucher noch viele Jahrzehnte an ihnen erfreuen können. Gewiss eine verantwortungsvolle aber auch lohnenswerte Aufgabe.

… wenn Sie mögen, möchte ich Sie abschließend einladen, unseren gedanklichen Spaziergang fortzuführen - hin zu einer weiteren botanischen Besonderheit des „Altzellaer - Frühlingsblumen - Erwachens“ ganz in der Nähe - mehr dazu aber dann in Kürze.

… sehr gerne bis dahin - seien Sie gegrüßt, bleiben Sie achtsam und vor allem gesund.

Als langjähriger Mitarbeiter ist Michael Aehnelt im Bereich Gärten des Schlösserlands tätig. Dabei ist ihm das Augenmerk auf botanische Besonderheiten in unseren Gärten stets ein besonderes Anliegen.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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