Ausgestellt!

Vorgeknöpft!

Jens Gaitzsch /

Garde-Uniformknopf, Ende 18. Jahrhundert Bodenfund am Kornhaus der Burg Stolpen
Ja – es gibt ihn wirklich, den Tag des Knopfes. Anlässlich dieses kuriosen Festtags am 16. November berichtet Museologe Jens Gaitzsch von einem wenig bekannten Kapitel der Stolpener Geschichte.

Mit dem Knopf kam auch das Loch

Aus Sicht der Museologen sind Alltagsgegenstände historischer Epochen eine bedauerliche Mangelware. Was erklärbar ist: Das Seltene und Rare findet viel eher Beachtung. Gewöhnliche Knöpfe wurden schnell zur Massenware. Wir benutzen sie täglich. Der kostbare Manschettenknopf jedoch gilt als Stilelement.

Kulturgeschichtlich ist der Knopf eine jüngere Erscheinung. Viel länger wurde die Kleidung umgebunden und zugeschnürt oder mit einer Gewandspange, vielleicht auch mit einem Gürtel, zusammengehalten. Mit dem Knopf ging eine revolutionäre Erfindung einher, sein Gegenüber: das Knopfloch. Seine Kleidung zielgerichtet mit Löchern zu versehen, das kam unseren Vorfahren lange nicht in den Sinn. Viel zu kostbar, um es einfach zu zerschnippeln. Später bekamen die Knöpfe selbst Löcher, um sie besser annähen zu können. Das war einfacher als eine Öse anzubringen.

Sprichwörtlich

Schaut man ins Lexikon sprichwörtlicher Redensarten, so wird schnell klar, dass der mittelalterliche Knopf eine viel größere alltagsgeschichtliche Bedeutung hatte als heute. Knöpfe auf den Augen hatte jemand, der nicht so genau hinsah. Wer Knöpfe im Kopf hatte, war durchtrieben. Jemanden etwas Abknöpfen, das ist nicht erst seit den filmischen Umsetzungen „Krieg der Knöpfe“ (Erstveröffentlichung des Buches von Louis Pergaud 1912) im ganz praktischen Gebrauch. Besonders in Zeiten, da Knöpfe aus Edelmetall bestanden. Bei der Gräfin Cosel konnten sie schon mal mit Diamanten besetzt sein. Ihr Sohn Graf Cosel musste sie als Gegenwert für Spielschulden hergeben. Manchmal geschieht es eben, dass man sich jemanden vorknöpft. Und keinen Knopf in der Hosentasche zu haben, wer kennt das nicht. Manch Knopf statt einer Münze soll nach dem sonntäglichen Gottesdienst in den Opferstock oder den Klingelbeutel gewandert sein.

Die Stolpener "Knöbbelbude"

Über Jahrhunderte war der Knopf ein handwerkliches Einzelstück aus natürlichen Materialien, bestenfalls in Serie hergestellt. Mit der Industrialisierung kamen die Massenproduktion und bald auch der Kunststoff. Es entstand ein neuer Industriezweig, die Knopfherstellung. Die chemische Industrie brachte die grellen Farben, nun wurde es kunterbunt. Der kleine Ort Stolpen mit seiner mächtigen Burg war hier mit der Knopf- und Metallwarenfabrik Josef Püschner ein überregionaler Lieferant und zeitweilig größter Arbeitgeber im Ort. Fast 100 Jahre bestand das Werk, bis es sich der Globalisierung ergeben musste.

 

Von Stolpen in die ganze Welt

Seine Blütezeit erlebte die Fabrik zwischen den Weltkriegen. Es fertigte selbst für Kunden in Südamerika. Danach belieferte sie die Rote Armee. Millionenfach gingen Messingknöpfe mit dem (roten) Stern aus Stolpen zur Verteidigung des Kommunismus in die Sowjetunion. Geholfen hat es nicht. Kunstvolle Schnallen aus der Stolpener DDR-Produktion erinnern heute mehr an Pretiosen als an Alltagsgegenstände. An etlichen Orten mit Knopffabriken haben sich Knopfmuseen etabliert, der Knopf ist längst auch ein Sammlerobjekt geworden. Auf der Burg Stolpen erinnerte man im Rahmen einer Sonderausstellung 2017 an die heimische Knopfproduktion.

Knopf und Kunst

In der Gegenwart ist der Knopf weit mehr als ein notwendiges Übel, um die Kleidung zu halten. Gern verwenden Designer ihn als Accessoires oder er wird ganz zum Kunstobjekt erhoben. So durch den Künstler Michael Voigt, der auf dem Kornboden der Burg Stolpen ausstellte. Seine kreativen Bildkollagen nutzen den Knopf, der für viele im Zeitalter des Überflusses und des Reißverschlusses entbehrlich wurde, als Gestaltungsmedium. Das Ergebnis war überraschend und heiter-farbenfroh, eine neue Komponente und fantasievoller Exkurs einer kulturgeschichtlich bedeutenden Alltäglichkeit. Wenn man alle Knöpfe zusammenzählt, bleibt ohne Zweifel ein Gewinn.

 

Jens Gaitzsch arbeitet als Museologe auf Burg Stolpen und knöpft sich dabei immer wieder spannende Forschungs- und Ausstellungsthemen vor.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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