Kunst & Gut

Hochzeitstruhe wieder entdeckt

Claudia Fischer /

Nie waren Hochzeitsvorbereitungen und -feierlichkeiten öffentlicher als heute. Während bei „Tüll & Tränen“ das perfekte Kleid gekauft wird und die zukünftige Braut nach der Frage „Ist das Dein Kleid?“ ein weinerliches „Ja“ haucht, werden Trauungen und Partys in Formaten wie „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ zur Schau gestellt und ordentlich unordentlich bewertet - schließlich winkt den Gewinnern eine tolle Traumreise. Die Hochzeitsbranche boomt. Doch wo bleibt das Individuelle, das Einzigartige? Ich habe es gefunden. In einem Depot auf der Burg Mildenstein.

Im Magazin der BURG MILDENSTEIN lagern um die 80 Truhen, Zunftladen und Koffer. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie bewahrten vor langer Zeit Kleidung, Kostbarkeiten oder Korn. Solange, bis die Truhen überflüssig und letztlich zu Relikten ihrer Zeit wurden. Wie aus ihrer Zeit geschält, harren sie nun der Dinge, die da noch kommen.

Hier geht es um Liebe!

Eine Truhe sticht aus der Sammlung heraus und hat es mir besonders angetan. Anders als die übrigen Truhen ist sie sehr farbenfroh bemalt. Auf der Truhenfront haben sich vier Personen versammelt, die offensichtlich in Beziehung zueinanderstehen. Sie sind nicht perfekt wiedergegeben, aber ihre Gesichter strahlen Sympathie und Erzählwillen aus. Ich möchte mehr über sie erfahren:

 

In der Mitte steht ein entzückendes Pärchen: links die Frau im barocken pastellfarbenen Kleid mit einem Fächer in der Hand; rechts der Mann mit einer Hellebarde und einer herzensähnlichen Blase. Der Fächer der Dame mit den Initialen C.F.A. und die Blase mit der Datierung Ao. 1777 treffen in der Truhenmitte aufeinander. Schnell wird klar: Hier geht es um Liebe!

Die Hochzeits- oder Aussteuertruhe

Beide Inschriften sind typisch für sogenannte Hochzeitstruhen. Die Eltern der Braut geben einige Tage vor der Hochzeit ihrer Tochter die Aussteuer für ihren neuen Haushalt mit. Darunter befindet sich auch die Truhe, in der zum Beispiel die zukünftige Bett- und Tischwäsche aufbewahrt wird. Die Initialen der Braut und das Vermählungsjahr hat der Truhenmaler auf der Truhe verewigt.

Symbole und Glücksbringer

Auf der Truhe ist sonst noch ziemlich viel los. Es wimmelt vor Tieren, Pilzen und Blumen. Bringen wir doch mal ein wenig Ordnung in diesen Dschungel der Allegorien und Symbole: Der Hund in der Mitte der beiden ist nicht das geliebte Haustier. Nein, er steht für die Treue der Liebenden.

Die Pilze, vor allem der Fliegenpilz, können heute als Glücksbringer gesehen werden. Ob das damals auch schon so war, kann ich nicht genau sagen, aber es ist wahrscheinlich.

 

Und mit viel, also wirklich sehr, sehr viel Fantasie handelt es sich bei dem doch recht unproportionalen Vogel um einen Storch, der dem Paar alsbald Nachwuchs bescheren soll.

Brauteltern oder Erntehelfer?

Dem Brautpaar stehen ältere Herrschaften zur Seite. Der barfüßige Mann scheint ein einfacher Bauer zu sein. Er hält eine Sichel und ein Bund Getreide in der Hand. Die Ärmel sind hochgekrempelt – er ist also zum Arbeiten bereit. Sein Gegenüber, eine Frau mit langem einfachem Gewand hält einen Stock in der Hand und lässt etwas aus ihrer linken Hand rieseln. Hat der Truhenmaler den Auftrag bekommen die Brauteltern mit zu verewigen? Nein. Wohl kaum.

Ein Kollege vom Museum für Sächsische Volkskunst gibt mir dazu einen guten Hinweis. Auch hier handelt es sich wieder um eine sinnbildliche Darstellung. Die Frau rechts nimmt die Aussaat vor. Der Bauer linkerhand ist dabei zu ernten. Er hat mit der Sichel bereits eine Getreidegarbe geschnitten. Es kommt mir bekannt vor: Das was man sät, wird man auch ernten. Ein herrliches Gleichnis für die Fruchtbarkeit und die gemeinsamen ehelichen Erträge.

Soweit so gut. Nun wird es schwieriger, denn es gibt noch mehr zu entdecken und zu entschlüsseln. Hinter dem Bräutigam befindet sich ein abgebrochener grüner Zweig, der bereits erste Knospen trägt. Vielleicht ein Rosenstock? Der abgebrochene Zweig zeigt dann wohl den neu beginnenden Lebensabschnitt an.

Bei genauerer Betrachtung fällt mir auch auf, dass dem Bräutigam auf seiner Hose, eine ovale Tasche gemalt wurde. In ihr trägt er eine kleine Kanne oder einen Geldbeutel. Möglicherweise ein Hinweis auf Reichtum und Fruchtbarkeit?

 

Auf der Hellebarde in seiner Hand kann ich 1710 entziffern. Was hat es mit dieser Zahl auf sich? Und warum eine Hellebarde? Es gibt also noch einige Fragen zu klären.

Fazit

Fest steht, dass sich nicht jeder so eine Truhe leisten konnte. Sie wurde detaillierter und aufwendiger gestaltet als andere Hochzeitstruhen. Bei meiner Recherche konnte ich keine vergleichbare Truhe finden. Sie ist und bleibt ein Unikat und erinnert fast 250 Jahre nach der Hochzeit noch an eine Verbindung zwischen zwei Menschen – ganz ohne Tüll und Tränen.

Museologin Claudia Fischer arbeitet hartnäckig daran, die Truhe zu öffnen. Denn auch hier gibt es noch mehr zu entschlüsseln ...


Letzte Änderung: 30.04.2020

Letzte Änderung: 30.04.2020

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