Hinter den Kulissen

Making-of: HistoPad Moritzburg

Wie das Schloss ins Tablet und das Tablet ins Schloss kam

Annekathrin Hermann /

Bildmontage eines HistoPads vor Schloss Moritzburg
Das HistoPad Moritzburg ist der zweite interaktive Tabletguide, der für das Schlösserland Sachsen produziert wurde. Leichter war die Arbeit deswegen nicht – und das nicht nur wegen der Pandemie. Ein Blick hinter die Kulissen in Sachsen und Paris.

Schloss Moritzburg, das Märchenschloss im Friedewald, macht es uns nicht immer leicht. Prächtige Jagden und Feste hat August der Starke im 18. Jahrhundert hier veranstaltet. Doch seither hat sich im Schloss einiges verändert. Wie vermittelt man dennoch ein eindrückliches Bild der Zeit, die das Schloss am intensivsten geprägt hat?

Mit AR in die Vergangenheit

Wir möchten das barocke Moritzburg wieder lebendig werden lassen, ohne in die historische Substanz einzugreifen. Dafür arbeiten wir mit der Firma Histovery aus Paris zusammen. Sie hilft uns bei der Einführung eines neuen Mediums: des sogenannten HistoPads, das mit Augmented Reality und digitalen 360°-Rekonstruktionen Personen, Einrichtungen, Bauzustände und Geschichten von früher direkt vor Ort wieder sichtbar werden lässt.

 

Kick-Off in Moritzburg

Ende Mai 2020 findet der Kick-Off für Moritzburg statt. Als Projektleiterin bin ich guter Dinge: die Zusammenarbeit mit Histovery ist eingeübt, die Einführung des HistoPads auf der Albrechtsburg Meissen hat hilfreiche Erfahrungswerte geliefert. Entsprechend ehrgeizig ist das Ziel: Im April 2021 soll das neue Vermittlungstool in Moritzburg stehen.

Doch Moritzburg ist nicht gleich Albrechtsburg: das Schloss kommt mit einer ganz anderen Geschichte daher. Konzeptuell fangen wir wieder bei null an. Statt das Schloss in verschiedenen Zeitschichten zu rekonstruieren, konzentrieren wir uns diesmal hauptsächlich auf eine Epoche: auf das barocke Jagd- und Lustschloss unter August dem Starken und seinem Sohn. Ein Besuch in Moritzburg im Jahr 1728 – das wird das Motto des Rundgangs.

 

Moritzburg im Herbst 1728

Warum 1728? Im November/Dezember des Jahres lädt der Kurfürst und König August der Starke Familienmitglieder und enge Vertraute zu einer Feier nach Moritzburg. Der von ihm angestoßene Umbau des alten Renaissance-Jagdhauses zur barocken Schlossanlage ist so gut wie fertig. Im frisch eingerichteten Schloss wird gespeist, Theater gespielt, getanzt, genetzwerkt und gefeiert – ein Einblick in die höfische Lebenswelt, der dank sprudelnder Quellen im Hauptstaatsarchiv schriftlich gut dokumentiert ist. Denn das war uns wichtig: möglichst nah an der Geschichte bleiben. Der längste Aufenthalt Augusts in Moritzburg wird so zur Rahmenhandlung des HistoPad-Rundgangs.

Grundlagenforschung mit geballter Expertise

Doch es ist eine Sache zu wissen, an welchem Tag Gräfin Orzelska in Moritzburg ankam. Eine ganz andere ist es, diese Szene mit Personen, Ausstattung und Lichtstimmung plausibel digital nachzubauen. Es gibt ja keine Fotos!

 

Dafür holen wir neue Experten ins Team: Margitta Hensel und Ralf Giermann, die das Schloss seit vielen Jahren museal und wissenschaftlich betreuen, Tobias Knobelsdorf, der die Moritzburger Baugeschichte Raum für Raum erforscht, und Monika Schlechte, Expertin für höfisches Zeremoniell, den barocken Umbau Moritzburgs und das „Mind-Set“ der damaligen Zeit generell. Außerdem unterstützt uns der Geschichtsstudent Jonas Klöber mit seinem Spezialwissen in der Ess- und Tafelkultur.

 

Gemeinsam wird recherchiert: Wir durchforsten Vergleichsquellen, Forschungsarbeiten, Inventare, Sammlungen und konsultieren Kollegen aus anderen Museen. In welcher Kutsche würde eine Dame nach Moritzburg reisen? Was trägt sie bei kaltem Wetter? Wie steigt sie aus der Kutsche? Wer würde sie in Empfang nehmen? Stehen die Diener mit Leuchter oder Laterne in der Eingangshalle? Wo kommt das Gepäck hin? Tragen die Wachen Hellebarden? An den Rädern muss Schlamm kleben. Der Boden war damals viel heller. Die Tür von heute ist noch original. Das Fenster existierte aber noch nicht! – Jedes Detail wird minutiös abgewogen.

Die Modellierung in 3D

Auf Produktionsebene wird eine erste Skizze der Szene angelegt. In diesem Schritt muss klar sein, wie sich die einzelnen Personen und Objekte zueinander verhalten. Auch der Standpunkt des späteren Besuchers, der sich per Zeittor in die Vergangenheit scannt, wird festgelegt.

 

Ein Fotograf fertigt dann von jedem Raum ein 360° Foto von genau diesem Standpunkt. Es wird zur Basis für die Modellierung. Historische Unstimmigkeiten wie Rauchmelder oder spätere Deckenmalereien werden herausretuschiert. In vielen Räumen muss die Wandbespannung komplett am Bildschirm nachmodelliert werden – die originale Ledertapete ist entweder nicht mehr vorhanden oder hängt mittlerweile (stark nachgedunkelt) in anderen Räumen des Schlosses. Fast erschrecke ich mich, als ich sie das erste Mal in ihrer ursprünglichen bunten Farbgebung wieder zu sehen bekomme!

 

No worries, we can photoshop this later

Unser Notfall-Motto

Die 3D-Artists modellieren Möbel und Figuren zunächst als 3D-Mesh – sprich ohne Texturen (Oberflächen). Sie leisten hier ganze Arbeit, indem sie die oftmals zweidimensionalen Vorlagen in detailgetreue räumliche Objekte übersetzen.

In diesem Schritt zurrt das Team auch Proportionen, Körperhaltung, Gestik, Fall der Gewänder und vieles mehr fest. Denn sobald die Texturierung beginnt, kann daran nur noch mit großem Aufwand etwas geändert werden. Und die Uhr tickt. Bei manch übersehenem Fauxpas wird am Ende nur noch Photoshop helfen.

 

Enge Zusammenarbeit auf Distanz

Normalerweise hätte sich das Team etwa einmal im Monat vor Ort getroffen, um alle Fortschritte zu evaluieren und Raum für Raum abzugleichen. Doch im Herbst/Winter 2020 ist Pandemie. Paris ist lange im Total-Lockdown. In Sachsen läuft es nicht viel besser. An grenzüberschreitendes Reisen geschweige denn persönliche Treffen ist überhaupt nicht zu denken. Also besprechen wir fast alles auf Distanz. In langen Videokonferenzen und unzähligen E-Mails und Telefonaten. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

 

Doch am Ende gelingt es: In zehn Monaten entstehen 15 interaktive HistoPad-Stationen. Im Frühjahr 2021 kommt eine kleine Technik-Delegation aus Frankreich, um die Zeittore, die Tablets und ihre Ladestationen einzurichten. Alles provisorisch – auch die Lieferung der neuen Kassenmöbel verzögert sich wegen Corona.

Wir testen im Schnelldurchlauf die Beta-Version. Ohne Histovery, denn der Hauptverantwortliche ist selbst erkrankt. Letzte Korrekturen, dann die Ferninstallation der sogenannten Gold-Version auf den HistoPads. Karfreitag sind wir bereit. Doch die Pandemie ist es noch nicht.

 

Eine Woche später öffnet Moritzburg unter strengen Hygienevorschriften doch die Türen. Ohne die übliche öffentliche Aufmerksamkeit, die eine Neuerung wie das HistoPad normalerweise verdient hätte, tröpfeln die ersten Besucher ein. Inzwischen werden es täglich mehr.

Sie können in Moritzburg nun also August dem Starken und seinen Zeitgenossen tatsächlich über die Schulter schauen. Sicher, es bleibt trotz aller Sorgfalt eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Aber das macht nichts. Denn am Ende geht es darum, den Eindruck einer Epoche zu vermitteln. Den gewinnt man mit dem HistoPad auf jeden Fall. Und hat auch noch Spaß dabei.

Annekathrin Hermann koordinierte die Einführung des HistoPads Moritzburg für den Bereich Museen. Sie ist gespannt auf das Feedback der Besucher und richtet ein großes "Merci" an alle Beteiligten in Moritzburg, Dresden und Paris für ihr unerschütterliches Engagement über alle räumlichen Grenzen und pandemischen Hürden hinweg.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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