Histories

Fett. Einäugig. Revolutionär: Die Rochlitzer Parade der vergessenen Wettiner

André Thieme /

Uferblick Schloss Rochlitz
In Rochlitz haben sie tiefe Spuren hinterlassen. Hier haben sie gebaut, und hier haben sie gelebt. Aber die sächsische Fürstengeschichte radierte sie aus oder machte sie zu Nebenfiguren: Weil sie keine Kinder hatten, weil sie „schwarze Schafe“ waren oder Frauen. Hier erhalten sie eine Stimme und erzählen über ihr Leben. Spoiler-Alarm: Es sind ganz großartige Geschichten.

Dedo V., der Fette (1142–1190)

Markgraf der Ostmark/Lausitz, Graf von Groitzsch, Herr von Rochlitz

Dedo erbt Rochlitz und baut die Burg modern aus. Seine beiden Söhne hinterlassen „nur“ Töchter, und Dedo bleibt eine Fußnote in der wettinischen Geschichte. Aber über seine Enkelinnen und deren Nachkommen geht Dedo in den Stammbaum der meisten Königsfamilien Europas ein.

 

Wilhelm I., der Einäugige (1343–1407)

Markgraf von Meißen, Landgraf von Thüringen

Weil er keine Kinder hat, fällt er aus dem Raster dynastischer Tradition: Wilhelm fehlt auf dem berühmten Dresdner Fürstenzug – ausgerechnet Wilhelm, damals einer der mächtigsten Fürsten! Rochlitz baut er großzügig um und macht die Burg zu einer der modernsten Residenzen seiner Zeit.

 

Sigismund (1416–1471)

Bischof von Würzburg

Er gilt als peinlicher Versager, bleibt kinderlos und wird von seinen Brüdern, Friedrich II. dem Sanftmütigen und Wilhelm III. dem Tapferen, hier in Rochlitz weggesperrt. Die Brüder bringen einen grausamen Krieg über das Land und finden trotzdem Eingang in die Geschichte – Sigismund nicht.

 

Ernst (1441–1486)

Kurfürst von Sachsen

Ernst ist der bekannteste Unbekannte hier. Als Kind wird er in Rochlitz erzogen, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Albrecht. Ohne Zweifel steht Ernst vor ihm. Aber Albrechts Nachkommen steigen später zu größter Macht auf. Und Ernst tritt hinter seinen Bruder in den Schatten der Geschichte.

 

Amalie von Sachsen (1436–1501)

Herzogin von Bayern-Landshut 

Geld ist kein Problem. Die sächsische Prinzessin Amalie heiratet einen der reichsten Fürsten ihrer Zeit: Herzog Ludwig IX. von Bayern-Landshut. Als Witwe will sie dennoch zurück nach Sachsen. Schloss Rochlitz wird dafür großartig umgebaut. Wie alle der wegverheirateten Wettinerinnen verschwindet sie freilich aus der Geschichte Sachsens.

 

Elisabeth von Hessen (von Rochlitz) (1502–1557)

Herzogin von Sachsen

Elisabeths Ehemann, Erbprinz Johann von Sachsen, stirbt jung, ohne an die Herrschaft gekommen zu sein. Kinder haben sie keine und damit auch keine Chance in der wettinischen Geschichtsschreibung. Dennoch: Elisabeth ist eine der zentralen Gestalten der lutherischen Reformation im Reich und eine der bedeutendsten Wettinerinnen überhaupt. Als Witwe lebt sie zehn glückliche Jahre in Rochlitz.

 

Christian I. (1560–1591)

Kurfürst von Sachsen

Immerhin, Christian reitet im Dresdner Fürstenzug. Sonst ist er weithin unbekannt, denn er stirbt jung und mit ihm sein calvinistischer Reformversuch. Das Schloss Rochlitz macht er fit für große Jagdgesellschaften.

 

Sophie von Brandenburg (1568–1622)

Kurfürstin von Sachsen

Sophie ist 23, als ihr Mann Christian I. stirbt. Danach übernimmt sie das Ruder, mit harter Hand. Aber wie fast alle Frauen hat sie schlechte Karten in der Geschichtsschreibung. Rochlitz wird ihr erster Witwensitz.

 

Johann Georg I. (1585–1656)

Kurfürst von Sachsen

Johann Georg schafft es, ohne Ruhm und Verdienst durch den Dreißigjährigen Krieg zu kommen. Die Geschichtsschreibung quittiert das mit rücksichtsvoller Missachtung – obwohl Johann Georg zu den Wettinern gehört, die mit am längsten regieren. Rochlitz besucht Johann Georg gern, doch seine Nachfolger lassen das Schloss links liegen.

 

Dr. André Thieme leitet den Bereich Museen und würde die vergessenen Wettiner selbst nie vergessen. Er freut sich, dass man ihnen nun sowohl online als auch auf Schloss Rochlitz begegnen kann.

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Letzte Änderung: 30.04.2020

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