
Keine Randfiguren
Wer an das Mittelalter denkt, hat Könige, Hofnarren oder Ritter vor Augen. Frauen tauchen in diesen Erzählungen oft nur am Rand auf oder fehlen ganz. Dabei waren sie keineswegs bloße Zuschauerinnen der Geschichte: Gerade als Fürstinnen beeinflussten sie gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich. Warum also sind sie so wenig präsent? Die Antworten darauf liegen irgendwo zwischen einer männlich geprägten Geschichtsschreibung, Forschungs- und Vermittlungslücken sowie den Herausforderungen einer oft fragmentarischen mittelalterlichen Quellenlage.
Wirksam & Systemrelevant!
Das Verbundprojekt „Wirksam. Frauennetzwerke der Hohenzollern“, initiiert von der Bayerischen Schlösserverwaltung, setzt genau hier an: An zehn historischen Orten in Deutschland und Italien werden die Handlungsspielräume mittelalterlicher Hohenzollerinnen sichtbar gemacht.
Unser Teilprojekt „Systemrelevant! Fürstinnen des Mittelalters“ auf der Albrechtsburg Meissen lädt dazu ein, tradierte Geschichtsbilder zu hinterfragen und um eine wichtige Perspektive zu erweitern. Im Fokus stehen Katharina von Braunschweig-Lüneburg, Katharina von Brandenburg und Anna von Sachsen, die durch Heirat in Herrscherinnenpositionen gelangten und die Geschichte Sachsens und Europas des 15. Jahrhunderts mitgestalteten. Ihre Lebenswege zeigen: Hochadelige Frauen waren mehr als Ehefrauen und Mütter dynastischer Nachkommen. Sie regelten diplomatische Angelegenheiten, verwalteten Besitzungen und übernahmen Verantwortung in Krisenzeiten.

Perspektivwechsel auf der Albrechtsburg
Drei Interventionen unterbrechen bewusst die gewohnten Sichtweisen, indem sie die namenlosen Fürstinnen auf den Wandbildern der Albrechtsburg hervorheben, so sie denn überhaupt abgebildet sind. Im Großen Saal, in der kleinen Tafelstube und im Frauenzimmer des Schlosses erfahren die Besuchenden durch informatives Material, wie die drei agierten. Eine Katharina wird die erste wettinische Kurfürstin und organisiert Heere, die andere Katharina gründet einen geistlichen Orden und ist Co-Bauherrin des Berliner Residenzschlosses, Anna wiederum ist passionierte Jägerin, schreibt zahlreiche diplomatische Briefe, manchmal auch erotische, und wird nach dem Tod ihres Mannes eine reiche und mächtige Witwe. Im sogenannten Frauenzimmer der Albrechtsburg eröffnen Medienstationen, eine Leseecke mit Sachliteratur, Graphic Novels sowie ein Quartettspiel unterschiedliche Zugänge zu den Biografien der vorgestellten Frauen und schlagen die Brücke zu aktuellen Fragen von Geschlechtergerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Weiter geht’s!
Auch wenn das Verbundprojekt inzwischen abgeschlossen ist, wirkt die Idee weiter: Die Interventionen auf der Albrechtsburg Meissen bleiben im Rundgang sichtbar. Darüber hinaus sind drei begleitende virtuelle Ausstellungen dauerhaft auf dem Wissensportal des Schlösserlands Sachsen verfügbar. Dort können Interessierte die Lebensgeschichten der Fürstinnen kennenlernen, historische Hintergründe entdecken und der Frage nachgehen, welche Rolle Sichtbarkeit, Macht und Geschlecht in Vergangenheit und Gegenwart spielen:
https://wissen.schloesserland-sachsen.de/geschichten-ausstellungen/systemrelevant-1/

Neuer Blick auf alte Geschichten
Wer noch tiefer in das Thema eintauchen möchte, findet im Podcast mit Dr. Simona Schellenberger zu „Adlige Frauen im Mittelalter und ihre klugen Netzwerke“ spannende Einblicke, fundiert und zugleich unterhaltsam erzählt.
https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:409c6f5cb1387a16/
So bleibt „Systemrelevant!“ weit mehr als eine zeitlich begrenzte Ausstellung: Das Projekt macht historische Frauen sichtbar, regt zum Nachdenken über tradierte Bilder an und zeigt, dass Geschichte immer auch von den Perspektiven lebt, aus denen wir sie betrachten.
Während der Arbeit für Systemrelevant! hat Charlotte Koch, kuratorische Assistentin bei SBG, immer wieder gestaunt, wie vielfältig die Rollen von (adligen) Frauen im Mittelalter waren.


