Kunst & Gut

Ein Raffael aus Porzellan

Dr. Birgit Finger /

Auf dem Lichtschirm scheint Raffaels Gemälde "Madonna della sedia" durch.
Im Schloss Weesenstein hat sich Originalinventar erhalten, das noch aus dem 19. Jahrhundert stammt. Museologien Birgit Finger stellt ein ganz besonderes Objekt vor.

Nobel, nobel ...

… ging es auf Schloss Weesenstein zu König Johanns Zeiten zu. Laut den Inventaren gab es damals wertvolle Gemälde, Möbel und Tapeten sowie edles Porzellan. Sehr viele dieser Objekte sind bis heute im Bestand des Museums erhalten. Dazu gehört auch ein wunderschönes Lichtschirmbild aus Meissener Porzellan. Diese sogenannte Lithophanie – von griechisch lithos für „Stein“ und phainein für „Leuchten“ – zeigt  eine Abbildung der „Madonna della sedia“ des italienischen Renaissancemalers Raffael.

Zweimal gebrannt: Biskuitporzellan

Die Bildplatte besteht aus einer speziellen dünnen Biskuitmasse. In diese wurde nach der Herstellung eines Wachsmodels und mit Hilfe eines Gipsreliefs die bildliche Darstellung hineingepresst. Die lichtdurchlässige runde Schirmplatte sitzt auf einem Kupferständer mit zwei Kerzenhaltern. Nach dem Brennvorgang sind nun im Gegenlicht durch die verschiedenen Reliefstärken alle Nuancen der Abbildung sichtbar.

Das Verfahren zur Herstellung dieser durchscheinenden Porzellanbilder entwickelte 1827 der französische Diplomat Paul-Charles-Amable Baron de Bourgoing. Dafür wurde ihm im gleichen Jahr ein Patent in Paris ausgestellt. Schon ein Jahr später nutzte sowohl die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin als auch die Königlich-Sächsische Porzellanmanufaktur Meissen diese spektakuläre Erfindung.

 

In Fenstern, Lampenschirmen oder Stövchen fanden diese unglasierten „Lichtbilder“ mit Metall- oder Holzfassungen ihre Verwendung. Als Vorlagen für die bildlichen Darstellungen dienten vor allem zeitgenössische Genreszenen und berühmte Gemälde. Baron de Bourgoing selbst war später übrigens einige Zeit französischer Abgesandter in Dresden. Ob König Johann ihn persönlich gekannt hat?

Aus Liebe zu Italien

Das weltbekannte Rundgemälde Raffaels, die „Madonna della sedia“ (wörtlich übersetzt „Madonna vom Stuhl“) entstand um 1513/14 und war im 19. Jahrhundert überaus beliebt. Es zeigt Maria auf einem Stuhl sitzend. Sie umarmt das Christuskind, während der junge Johannes der Täufer andächtig zuschaut. Das Motiv wurde in unzähligen Kopien und Stichen verbreitet.

 

Der Weesensteiner Schlossbesitzer König Johann von Sachsen liebte Italien. Er verehrte die Sprache, die Sehenswürdigkeiten und natürlich seinen Dante. Oft weilte er in Florenz, denn seine Schwester Maria war seit 1821 mit Ferdinand III., Großherzog der Toskana, verheiratet. Sicherlich war ihm das Kunstwerk bekannt und so erwarb er vermutlich aus gutem Grund den Raffael in Porzellan!

Die Königlich-Sächsische Porzellan-Manufaktur auf der Höhe der Zeit

1846 erscheinen im Preiscourant, einer Angebotsübersicht, der Meissener Porzellanmanufaktur zwei Lichtschirme mit der Raffaelschen Madonna und einem Durchmesser von 10,5 und 9 Zoll sowie dem Preis von jeweils einem Taler und zehn Groschen. 1867 gehörte eine Meissener Lithophanie mit diesem Motiv sogar zu den Objekten der Weltausstellung in Paris!

Eine Stanzmarke auf der Weesensteiner Platte verweist auf eine frühe Datierung – vermutlich in das Jahr 1828, jedoch entsprechen Form und Dekor des Messingständers mit den Kerzenhaltern dem frühen Neobarock. Vermutlich sind die Meissener Lithophanieplatten, die man fast nie mit der berühmten Schwertermarke versah, noch lange verwendet worden. So verzeichnet 1891 das Inventar von Schloss Weesenstein im Schlafzimmer „zwei Lichtschirme von Biscuit-Porzellan“, allerdings im „defecten“ Zustand. Der König ging scheinbar mit der Zeit und kaufte sich gleich mehrere dieser luxuriösen Porzellanplatten oder war es seine Frau, die Königin Amalie Auguste?

 

Dr. Birgit Finger liebt Meissener Porzellan, weil Herstellung und Geschichte dieses besonderen Materials so spannend sind. Sie freut sich immer wieder, wenn sie den Lichtschirm aus der Zeit König Johanns in seinem Wohnzimmer auf dem Fensterbrett sieht.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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