Histories

Der Basalt ist ein Sachse

Jens Gaitzsch /

Der westliche Burgberg mit dem ehemaligen Basaltbruch, darauf die sich erhebende Burg
Marketingstrategen lieben Alleinstellungsmerkmale. Die Burg Stolpen hat es: Basalt. Auf diesem Fleckchen Erde ging die Naturgeschichte mit einem Baudenkmal eine Allianz ein. Heraus kam eine ungewöhnliche Kulturgeschichte, die vor fünfzehn Jahren zu einer Anerkennung als ‚Nationaler Geotop’ führte.

Der Name ‚Stolpen’ ist ein slawisches Lehnwort. Es bedeutet Säule (stołp) bzw. (Rang-)Stufe (stopjeń – im Sinne eines herausgehobenen Ortes) und nimmt Bezug auf das örtliche Gestein. Slawische Völker wanderten ab dem 6. Jahrhundert in diese Region ein. Der markante Basaltberg fand ihr Interesse.

Luther und Stolpen

Die Ersterwähnung des besonderen Steins fällt in die Reformationszeit. Die Bischöfe von Meißen, Besitzer des Stolpens, waren keine Freunde des Reformators Martin Luther. Hier auf Stolpen entstand im Januar 1520 ein erstes Edikt gegen die Schriften des Professors aus Wittenberg. Das als Stolpener Dekret bekannt gewordene Papier des Bischofs geißelte Luthers verdammungswürdigen Irrtum, verbot die Verbreitung oder Anwendung der Druckschriften des Augustinermönchs und drohte bei Zuwiderhandlungen ewige Verdammnis an. Voller Zorn und Spott wies Luther die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück, bezeichnete das Mandat des Bischofs verachtend als Ausgeburt des Hasses und der Unwissenheit und schimpfte Bischof Johann VII. mehr tolpisch denn stolpisch. Er möge ein andermal, auf den nüchtern Morgen Zettel schreiben, damit nicht Not sei zu argwöhnen, der Bischof habe sein Gehirn im Ketzberg (im Weinberg der Ketzer) verloren.

Der päpstliche Beauftragte Karl von Miltitz weilte zu der Stunde beim Bischof auf Stolpen, als die Antwort Luthers eintraf. Offensichtlich hatte Miltitz seinen Spaß daran. Eigentlich saß man ganz fröhlich beim abendlichen Bier. Je mehr der Bischof beim Lesen geflucht habe, desto mehr habe Miltitz lachen müssen. So jedenfalls schildert er die Szene wenige Tage darauf dem ernestinischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen. Dieser Brief, den Miltitz mit einem Stück des außergewöhnlichen Steins von Stolpen nach Torgau schickte, ist erhalten geblieben. Friedrich antwortete drei Tage darauf. Er wolle den säulenförmigen Stein probieren lassen und bei Bedarf mehr davon bestellen.

Von Stolpen in die Welt

Dem sächsischen Universalgelehrten Georgius Agricola (Georg Bauer) verdanken wir ein 1546 veröffentlichtes Buch, in dem er das Gestein von Stolpen erstmals als Basalt bezeichnet. Womit er Stolpen zu dem Ort machte, von dem diese Wortschöpfung seinen Siegeszug um die Welt antrat. Als populärer Oberbegriff für alle schwarzen Vulkangesteine ist er noch heute in aller Munde.

 

Der Stolpen wechselte 1559 an den albertinischen Kurfürsten August. Er machte die Veste zum wehrhaften Renaissanceschloss. Einer seiner Leibärzte, Johannes Kentmann, zeichnete als begeisterter Naturforscher ein Säulenbündel am Fuße des Johannisturms. Die Zeichnung wurde dann 1565 als Holzschnitt von Conrad Gesner in Zürich veröffentlicht. Diese Abbildung gilt heute als die früheste Darstellung von Basalt in der geologischen Wissenschaftsgeschichte.

Neptun oder Pluto?

Und Stolpen hat ein ganz außergewöhnliches Basalt-Bauwerk: seinen Brunnen. Er ist eine bergmännische Meisterleistung. Als sich die Gelehrten im ausgehenden 18. Jahrhundert über die Frage "Wie entstehen Gesteine?" zerstritten, wurde diese Frage beispielhaft am berühmtesten Basaltberg Sachsens, den bei Stolpen geführt. Die Neptunisten sagten: Auskristallisation aus Wassern bilde den Basalt. Die Plutonisten setzten sich schließlich durch: Feuer ist das gesteinsbildende Element. Auf Stolpen kann man dem Vulkan in den Schlund schauen.

 

Jens Gaitzsch ist Museologe auf der Burg Stolpen und kennt hier jeden Winkel. Nur in den Basaltbrunnen ist er noch nicht eingefahren.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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