Histories

Fräulein Schafftenberg räumt ab

Annekathrin Heichler /

Anfang des 18. Jahrhunderts passiert in Sachsen eine kleine Sensation: Frauen erobern den höfischen Turnierplatz! Statt nur vom Rande zuzuschauen, gehen sie 1719 im Großen Garten Dresden selbst ins Rennen. Ein reines Frauenturnier war das sogenannte „Damenringrennen“ damals trotzdem nicht.

Volltreffer, Treffer, Treffer, Volltreffer, …

... Fräulein Gräfin von Schafftenberg hat einen Lauf. Beim Damenringrennen am 23. September 1719 im Großen Garten macht sie in zwölf Runden nur einen einzigen Fehlstoß. Ihr Team stellt sogar einen Highscore auf. Doch den Hauptpreis gewinnt jemand anderes – was wird hier gespielt?

 

Es geht um ein Ringrennen, auch Ringstechen genannt. Bei dieser Form des höfischen Turniers wird mit Lanzen auf Ringe gezielt. Man fährt oder reitet eine Bahn entlang, an deren Ende ein kleiner Ring zwischen zwei Pfosten hängt. Den gilt es mit einer langen Stechlanze zu treffen.

 

Unglaublich! Ist das schon der Sieg?

Wie es wohl war, als Fräulein Schafftenberg 1719 an den Start ging? Heute würde es vielleicht so klingen:

 

Vom Kampfsport zum Spiel

Seinen Ursprung hat das Ringrennen in den gefährlichen, männlichen Lanzenturnieren des Mittelalters. Sie dienten einst der militärischen Übung zum Gebrauch von Waffen und der Geschicklichkeit zu Pferd. Erst im Laufe des 16. Jahrhunderts entwickelt sich daraus ein vergnügliches Geschicklichkeitsspiel bei Hofe.

 

Dennoch: Dass Frauen die Lanze schwingen, ist auch 1719 noch recht ungewöhnlich. Nur wenige frühere Damenturniere sind belegt, zwei davon in Sachsen: Magdalena Sybilla, Tochter des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I., richtet schon 1654 ein Ringrennen mit der aktiven Beteiligung von Frauen aus. 1709 veranstaltet auch August der Starke ein Damenringrennen mit 24 Teilnehmerinnen, in der Nähe des heutigen Zwingers. Es ist ein direkter Vorläufer des 1719er Turniers, für das er lediglich die Teilnehmerinnenzahl erhöht und den Ablauf professionalisiert. 36 Damen bestreiten das Ringrennen im Großen Garten, auf nunmehr zwölf extra vor dem Palais angelegten Bahnen.

 

 

Mit Schirm, Charme und Männern

Während bei zeitgenössischen Männerturnieren jeder Teilnehmer einzeln reitet und punktet, sind Fräulein Schafftenberg und ihre Mitstreiterinnen nicht allein für ihre Spielerfolge verantwortlich. Das rührt unter anderem aus der Form ihrer Teilnahme: Seitlich im Damensattel sitzend wäre das Führen einer Lanze zu Pferd zum Balanceakt geworden. Die noblen Damen fahren stattdessen in farbenfrohen Kostümen und mit Sonnenschirmchen in der Hand in prächtig ausstaffierten Wagen. Die Lenker der Wagen waren adlige Männer.

 

Es geht dabei nicht nur um eine „damengerechte“ Spielart, sondern auch ums Sehen und Gesehen werden. Bei allen höfischen Vergnügungen präsentiert sich in erster Linie die Oberschicht. Davon abgesehen schickt es sich zu der Zeit für Frauen kaum, allein unterwegs zu sein. Schon gar nicht für ein unverheiratetes „Fräulein“! Also stellt man jeder Dame noch zwei „Kavaliere“ an die Seite: ebenfalls adlige Reiter, die parallel nach den Ringen stechen. Ihre Treffer werden zu jenen der Dame hinzugezählt. Das entspricht dem damaligen Ideal höfischer Galanterie – und die steht gerade bei diesem Ringrennen im Vordergrund.

 

„Rosa“ für die Göttin der Liebe

Den festlichen Rahmen des Turniers bildet das „Venusfest“, eines von sieben üppigen Planetenfesten anlässlich der Hochzeit des Kurprinzen Friedrich August mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha. Das Venusfest soll die strategische Vermählung als fruchtbare Liebeshochzeit inszenieren. Es ist, wie der gesamte Festapparat, penibel geplant. Nichts und niemand ist zufällig dort.

 

Die frisch gebackene Kurprinzessin Maria Josepha fährt selbst im Rennen mit und führt die wichtigste der vier Teilnehmergruppen an, die rosafarbene Quadrille. Der Prinz und der König begleiten sie als Renner zu Pferd. Das Trio hebt sich mit kostbarem Diamantschmuck und feinsten Stoffen von allen anderen Teilnehmenden ab. So wird augenfällig, um wen sich das Fest tatsächlich dreht.

 

Eins zu null für die Prinzessin

Um Fräulein Schafftenberg, eigentlich Maria Charlotte Gräfin von Schafftenberg, jedenfalls nicht. Sie steht seit 1719 als Kammerfräulein in den Diensten Maria Josephas und hat bei deren öffentlichen Auftritten anwesend zu sein. Beim Venusfest erfährt sie die besondere Gunst, in der Quadrille ihrer Herrin mitzufahren. Mit 25 Trefferpunkten schneidet sie deutlich besser ab als Maria Josepha (17 Punkte). Fräulein Schafftenberg und ihre Kavaliere übertrumpfen sogar das königlich-prinzliche Team um acht Punkte.

 

Doch den Hauptpreis, eine Haarnadel aus einem bekrönten Diamantherz, gewinnt laut Spielregeln nicht die beste Schützin. Er geht an die Quadrillen-Chefin, deren Quadrille die meiste Gesamtpunktzahl erstreitet. Und das ist – wie sollte es anders sein – die Kurprinzessin persönlich. Immerhin, mit der besten Einzelwertung der rosafarbenen Quadrille erhält Fräulein Schafftenberg noch einen Nebengewinn: ein rosa unterlegtes Diamantherz in einem Samtfutteral. Natürlich ohne Königskrone.

Literaturhinweise:

Watanabe-O’Kelly, Helen: Das Damenringrennen – eine sächsische Erfindung? In: Dresdner Hefte 22/1991, S. 307–312.

Giermann, Ralf: Zu einem Porträt der „Madm. la Comtesse de Schafftenbergen“ von Louis de Silvestre. In: Dresdner Kunstblätter 01/2011, S. 4–13.

Schnitzer, Claudia (Hg.): Constellatio Felix. Die Planetenfeste Augusts des Starken anlässlich der Vermählung seines Sohnes Friedrich August mit der Kaisertochter Maria Josepha 1719 in Dresden, Ausst.-Kat. Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 2014.

Annekathrin Heichler hat 2019 die Ausstellung „Kaiserschmarrn. Das Venusfest im Großen Garten 1719“ im Palais Großer Garten mit kuratiert und ist froh, dass die Bezeichnung „Fräulein“ inzwischen nur noch scherzhaft verwendet wird.

 

Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen mit dem Förderverein Palais Großer Garten. Sie wird 2021 im Barockgarten Großsedlitz erneut gezeigt.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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