Kunst & Gut

Lieblingsobjekt: Der Mehlmann von Burg Mildenstein

Claudia Fischer /

Kopf des Mehlmanns
"Was machen wir mit dem Mehlmann?" – Museologin Claudia Fischer berichtet von einem ungewöhnlichen Schlossbewohner.

Der Mehlmann – oder der Mühlenheilige von Waldheim

Unsere erste Bekanntschaft war eine recht sorgenvolle. Als ich die Elternzeitvertretung hier auf der Burg Mildenstein übernahm, lernte ich ihn erstmals kennen. Er imponierte mir. Er wirkte riesig, kräftig und unzerstörbar. Nur die Spuren seines Alterns verrieten, dass er schon einiges erlebt hatte. 

 

Doch der alte Herr musste umziehen: Sein Platz im Pagenhaus war nur eine Zwischenlösung. Eine unangenehme Situation für uns beide! Er muss raus und ich muss mich darum kümmern. Mit stoischer Gelassenheit lässt er mich damit allein. Er macht keine Anstalten, seinen Platz zu verlassen. Er fühlt sich sichtlich wohl an seiner Stelle – hat man doch extra für ihn Halterungen an der Wand angebracht, die ihm das lange Stehen erträglicher machen.

 

So oder so. Einfach bewegen lässt er sich nicht. Bei einer Größe von fast drei Metern, gefertigt aus einem Eichenstamm, bringt er ein Gewicht von 300 Kilogramm auf die Waage. Um ihn zu transportieren, braucht man mehr als vier stattliche Männer.

 

„Was machen wir mit dem Mehlmann?“ ist die Frage, die mir jede Woche an das Ohr dringt, bis sie sich genauso stoisch in meinem Kopf festsetzt. Mehlmann? Komischer Name. Mehlmann? Wohin mit ihm? Wo kann er langfristig einen neuen Platz finden? Wo kam er denn eigentlich her? Das ist die Frage, die sich mir eigentlich stellt. Also setze ich mich an meinen Arbeitsplatz und recherchiere in der Museumsdatenbank. „Mehlmann, auch Mühlenheiliger aus Waldheim genannt“, lese ich da.

 

 

Ein Heiliger aus Waldheim? Hm, also einen Heiligen habe ich mir immer anders vorgestellt; jedoch nicht als überlebensgroße Skulptur, als Stützpfeiler eines Balkens. Seine kräftigen Beine und sein kompakter, kraftvoller Oberkörper trugen nicht nur die Balkenlage der Decke in der Waldheimer Brückenmühle. Auf seinem Kopf hält er stolz das Emblem der Brückenmüller: Das Kammrad, in dem sich ein Zirkel, ein Winkelmaß und eine Mühlenhaue befinden. Eine sächsische Königskrone thront über dem Berufsemblem.

 

Bei genauem Hinsehen entdecke ich noch einen Hinweis. Ein eingearbeitetes Monogramm und eine Jahreszahl werden sichtbar: „G G F 1730“. Das F steht für fecit, zu deutsch: hat gemacht; die Jahreszahl 1730 gibt sein Entstehungsjahr wieder. Aus einer alten Festschrift erfahre ich, dass der dazugehörige Balken 1924 verbrannte, aber seine Inschrift noch überliefert ist. Zu lesen steht da:

"MEIN LIEBER MENSCH BEDENCK  / ALHIR WASS DIR DAS MÜHLENWERK BITTET FÜR,  / DEN SO OFT DASS / RADT DEN ZIRCKEL WEND.  / BEDENCKE MENSCH DEIN LETZTES END.

MEISTER GOTTFRIED GAITZSCH / ERB- UND EIGENTHUMSMÜLLER ERBAUET / DIESE MÜHLE NEU MIT GROSSEN KOSTEN / GEFAHR UND LEID IN DEN GROSSEN / JUBEL JAHRE ANNO 1730“

Damit löst sich auch das Monogramm „GG“ auf. Gottfried Gaitzsch errichtete die Mühle 1730 neu und ließ auch unseren Mehlmann schnitzen und farblich bemalen.

 

Er war wichtig für die Mühle. Er sollte die Mühle gegen Unheil, Brände und ähnliche Gefahren schützen. Ein Schutzheiliger also. Bereits in den Jahren 1721 und 1730 machte die Feuersbrunst dem Müller von Waldheim zu schaffen. Damit sollte Schluss sein. Er, der Mehlmann, sollte wachen und Gefahren von außen abwehren. Doch auch gegen die Brände, die in den Jahren 1764 und 1924 folgen sollten, konnte er nichts ausrichten. Am 27. Juli 1924 brannte die Waldheimer Brückenmühle fast vollständig ab.              

Die Ironie des Schicksals: Das einzige, was gerettet wurde, war der Mühlenheilige selbst. Er, der die Mühle schützen sollte, schützte offenbar nur sich. Im Fotoarchiv finde ich dazu ein Foto der Waldheimer Kameraden zusammen mit unserem Mehlmann. Er sieht zufrieden und erleichtert aus – genau wie die Kameraden der Feuerwehr.

 

Nach einem kurzen Aufenthalt im Zwischenlager bewacht er nun das Herrenhaus im Eingangsbereich. Verkohlte Bereiche der Skulptur erinnern an seine Geschichte. Er hat überlebt und blickt nun erhaben und mächtig auf unsere Besucher, die das Herrenhaus betreten. Hoffentlich bringt er uns mehr Glück als den Mühlenbesitzern der Familie Gaitzsch in Waldheim.

Claudia Fischer arbeitet als Museologin auf Burg Mildenstein.

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Letzte Änderung: 30.04.2020

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