Hinter den Kulissen

Von Archiv bis Zitronenapfel

Jonas Blankenburg /

Mit einem Metermaß misst Volontär Jonas Blankenburg den Ansatz einer Baumkrone vom Boden aus.
„Aha, Landschaftsarchitektur und Schlösserverwaltung, das klingt spannend. Was genau macht man denn da so als Gartendenkmalpfleger?“ – Diese Frage wurde mir inzwischen schon des Öfteren gestellt, daher möchte ich nun hier von meinem Volontariat im Gartenbereich der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen berichten.

Grüne Gene

Die Arbeit in der grünen Branche ist mir gewissermaßen in die Wiege gelegt. Schon mein Urur-Großvater war in seiner Ortschaft für den Schnitt der Alleebäume zuständig und die Stachelbeersorte `Rote Eva` hat mein Großvater nach meiner kleinen Schwester benannt – sie bekam immer einen hochroten Kopf, wenn ich sie geärgert habe. Da ich gerne gestalterisch tätig sein wollte, habe ich mich dann für Landschaftsarchitektur interessiert und während des Bachelorstudiums an der HTW Dresden unter anderem die botanischen Besonderheiten im Schlosspark Pillnitz kennengelernt. Mein Interesse für Gartendenkmalpflege habe ich dann erst so richtig im Masterstudium an der TU Dresden entdeckt und darf mich als Volontär seit 2019 mit den Kronjuwelen der sächsischen Gartengeschichte beschäftigen.

Wissenschaft und Forschung

Erforschen-Bewahren-Vermitteln. Diese Aufgaben bilden den Dreiklang der Gartendenkmalpflege. Den Grundton gibt dabei die Forschung an, denn die Kenntnisse von den Gartenanlagen und ihrer Geschichte sind die Voraussetzung für Entscheidungen bei der Pflege, Restaurierung und Vermittlung der Gärten. Was das alles umfasst, möchte ich anhand ausgewählter Beispiele bzw. Fragestellungen aus dem Arbeitsalltag zeigen.

Welche Apfelsorten hatte der Kastellan in Stolpen angepflanzt?

Seit 1874 gab es einen Kastellan auf der Burgruine Stolpen. Dieser war zuständig für die Besucherführung und Ordnung in der Anlage. Dafür erhielt er im Gegenzug Einnahmen aus dem Ticket- und Postkartenverkauf. Da das nicht zum Leben ausreichte, bewirtschaftete er am Nordhang der Ruine eine Streuobstwiese, hielt Schafe, Ziegen und Hühner. Ein Paar der alten Obstbäume stehen noch, die Sorten waren jedoch keinem bekannt.

So bin ich mit einer Kiste voller unbekannter Äpfel zu den Pomologen (Apfelexperten) Manfred Schrambke und Klaus Schwartz gefahren, um mit Tipps zur Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten sowie einer Liste mit Sortennamen zurückzukehren. In der Liste fand sich eine kleine Rarität – die Apfelsorte `Gelbe Sächsische Renette`. Auch unter dem Namen `Meißner Zitronenapfel` bekannt, war sie die sächsische Obstsorte des Jahres 2016. Bereits um 1800 im Bereich Meißen angebaut, geriet die Sorte nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend in Vergessenheit. Heute steht sie auf der Roten Liste der bedrohten Nutzpflanzen. Das Erhalternetzwerk Obstsortenvielfalt setzt sich tatkräftig für deren Bewahrung ein.

 

E, N, M oder doch ein A?

Wer alte Anlagen untersucht, muss auch alte Schriften lesen können. Daher habe ich die entsprechenden Unterlagen zunächst eingescannt. Dann wurde zwischen den Zeilen notiert, was ich entziffern konnte bis die Sätze Sinn ergaben. Als Beispiel sieht man hier Anweisungen von Kurfürst August aus dem 16. Jahrhundert. Darin ist festgehalten, wie und welche Bäume im Herbst in Stolpen gepflanzt werden sollen.

 

Klein aber oho

Als Freund der Fotografie war die Digitalisierung von Planfilmdias eine spannende Angelegenheit. Diese Planfilmdias sind analoge, hochauflösende Aufnahmen, die mit einem speziellen Scanner digitalisiert werden mussten. Sie zeigen alte Pläne und Ansichten der Gartenanlagen, welche im Kupferstichkabinett, dem Landesarchiv für Denkmalpflege und dem sächsischen Staatsarchiv lagern.

Mit einem dieser digitalisierten Pläne habe ich dann versucht herauszufinden, ob am Nordhang der Burgruine Stolpen noch Spuren eines Gartens aus dem Jahr 1838 vorhanden sind. Dazu überlagert man eine Vermessung (schwarze Linien auf dem Plan) mit dem historischen Plan und vergleicht Strukturen, wie Mauern, Gewässer oder Vegetation. So konnten die noch vorhandenen Beeteinfassungen aus Basalt durch den Plan entsprechend zeitlich eingeordnet werden, was eine Grundlage für spätere Restaurierung bildet.

 

Uns geht ein Licht auf

...erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann fünf, dann sechs? Im Großen Garten in Dresden wurden die Leuchten erneuert, da die alten Leuchtmasten durchgerostet waren, die neuen Strahler weniger Strom verbrauchen und die Wege besser beleuchten. Um im Bereich am Palais auch für ausreichende Helligkeit zu sorgen, wird momentan noch nach einer denkmalverträglichen Lösung gesucht. Um eine Diskussionsgrundlage zu schaffen, habe ich visualisiert, wie bei einer der Varianten die Sicht auf das Palais gestört werden würde. Andere Lösungen mit Pollerleuchten oder Bodenstrahlern sind zwar nicht ganz so hell, dafür aber um einiges zurückhaltender.

Gartenspionage

Neben den zahlreichen Terminen in unseren eigenen Anlagen, waren Fortbildungen und Exkursionen ein wichtiger ergänzender Bestandteil des Volontariats. Um Ideen für die Optimierung der Klimatechnik im Pillnitzer Palmenhaus zu sammeln, besuchte ich gemeinsam mit Kollegen den Botanischen Garten Berlin. Wir interessierten uns vor allem für die Sprühnebelanlage, die Belüftung und die Bodenzusammensetzung. In Berlin wird schon lange erfolgreich mineralisches Substrat verwendet, was in Pillnitz Abhilfe bei den Problemen mit Schädlingen schaffen könnte. In der Baumschule Franke inspizierten wir die nachgezogenen Hochstämme für den Pillnitzer Fliederhof. Ein paar Exemplare hatten Schäden, weil Hornissen an den Knospen geknabbert hatten, der Rest wartet schon darauf in die Leerstellen im Fliederhof verpflanzt zu werden. Während der Internationalen Gartentagung zu Küchen- und Nutzgärten in Wörlitz lernte ich Gärten aus ganz Europa kennen und erfuhr einiges über deren Geschichte, Bewirtschaftung und Vermarktung. Mindestens genauso spannend waren die Tagung des Arbeitskreises Orangerien oder die Kolloquien der Arbeitsgruppe Sächsische Gartengeschichte zu den Themen Museum im Gartendenkmal und ehrenamtliches Engagement zur Bewahrung von Kulturerbe.

Nach seinem Volontariat im Bereich „Garten“ ist Jonas Blankenburg nun nicht mehr grün hinter den Ohren, sondern am Daumen.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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