Kunst & Gut

Über Stock und Stein mit König Johann von Sachsen

Dr. Birgit Finger /

Spazierstock König Johanns mit dem Bildnis seiner Gemahlin Königin Amalie Auguste
Wenn Johann von Sachsen in Weesenstein weilte, ging er gern spazieren. Unsere Museologin Dr. Birgit Finger stellt das für einen König ungewöhnliche Hobby und eine herrschaftliche Stocksammlung vor.

Raus ins Grüne

Johann von Sachsen spazierte gern, vor allem in der Nähe seines geliebten Schlosses Weesenstein im romantischen Müglitztal. Noch heute zeugt die sogenannte Prinzenbank unweit des Ortes von seinen Ausflügen.

 

Sein Kammerdiener Julius Wachs notierte dazu: [Johann] „liebte es, wenn er in Weesenstein war im Oktober, allein, nur von seinem schwarzen Dackel Rappo begleitet, den Stock mit silbernem Knopf auf dem Rücken, auf dem Kopf seinen breitrandigen, großen schwarzen Filzhut, schon sehr zeitig durch seine Fluren zu wandern, dabei die Feldgräben mit Leichtigkeit überspringend.“

 

 

Auch wenn Rappo eigentlich kein Dackel, sondern ein Pudel war, so begleitete er den König doch häufig auf dessen Spaziergängen durch das Tal der Müglitz. Der Hofbibliothekar Julius Petzholdt widmete dem Tier später sogar eine eigene, sechsseitige Biographie. 

Die Stocksammlung

Als begeisterter Spaziergänger legte der König eine umfangreiche Spazierstocksammlung an. Im Hauptstaatsarchiv Dresden verzeichnet eine eigenhändige Akte seine Sammlung. Der stolze Eigentümer listet „36 Elfenbeinstäbe, 9 Porzellan- und Emaillestäbe, 20 Steinköpfe, 26 Metallköpfe und 56 Stäbe aus verschiedenen Stoffen“ auf.

Jedes Exemplar besitzt eine kurze Beschreibung, zum Beispiel: „Krücke mit Justitia, Geschenk des Stabfabrikanten aus Meißen“. Auch exotische Stöcke waren darunter, wie der Stab eines Häuptlings aus Sumatra (ein Geschenk der niederländischen Königin Sophie) und ein mit Perlmutt ausgelegter indischer Stock. Mehrere Stöcke mit den Bildnissen der Enkel schenkten ihm sein Sohn Georg und seine Schwiegertochter Maria Anna.

 

Ein Stock mit der Abbildung der Festung Königstein sollte ihn wohl an den Aufenthalt von 1849 erinnern. Sein Bruder Friedrich August und seine Schwägerin Marie schenkten ihm einen Stock mit der Ansicht von Pillnitz, seine Gemahlin einen mit dem Porträt ihrer Tochter Sidonia.

Eine unbekannte Quelle beschreibt Johanns Leidenschaft folgendermaßen: „Da man ihm damit nun viel Freude zu machen wusste, so ergriffen die Familienmitglieder und selbst auswärtige hohe Anverwandte jede passende Gelegenheit, den König mit solch einem Geschenk zu überraschen; dadurch war die Zahl der Stöcke zu einer ziemlichen Höhe angewachsen.“ So verwendete Johann bei seinen Promenaden jedes Mal einen anderen Stock.

Eine neue Freizeitbeschäftigung

Damals war das Spazierengehen natürlich ein Privileg. Denn wer hatte schon Zeit dazu? Ein Spazierstock diente deshalb als Statussymbol der Adligen oder wohlhabender Bürger. Wiederum wäre es noch Johanns Ururgroßvater, August dem Starken, kaum in den Sinn gekommen, größere Strecken zu Fuß zu gehen. Als Kurfürst von Sachsen und König von Polen war er standesgemäß zu Pferde oder per Kutsche unterwegs. Erst in der Epoche der Romantik kam das Wandern oder Lustwandeln in der Natur in Mode.

 

Nur ein einziger Spazierstock

… hat sich aus König Johanns ehemals über hundert Exemplare umfassender Stocksammlung erhalten. Es ist ein ganz besonderer: Im Glasknauf befindet sich das Bildnis seiner Gemahlin Amalie Auguste. Die Königin war so symbolisch auf seinen Spaziergängen dabei. Der Stock befindet sich im Eigentum eines Nachfahren des Hofbibliothekars Julius Petzholdt und kann im Schloss Weesenstein besichtigt werden.

 

Neben ihrer Arbeit in Weesenstein wandert Museologin Dr. Birgit Finger im Frühling gern im Müglitztal - ganz ohne Stöcke.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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