Gartenkunst

Ein Schlüssel zum Himmel

Michael Aehnelt /

Zum zweiten Mal lädt Michael Aehnelt zum gedanklichen Spaziergang durch den Klosterpark Altzella. Diesmal auf den Spuren der Himmelsschlüssel.

Lerche zu des Frühlings Ruhme / Hat ihr Erstlingslied gesungen, / Blumenerstling Schlüsselblume / Hat sich goldnem Kelch entrungen ...

Adam Mickiewicz
Adam Mickiewicz, polnischer Dichter in der Zeit der Romantik, als junger Mann.

… es freut mich, dass Sie wieder vorbeischauen und sich unserem Spaziergang Im Klosterpark Altzella unter den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne anschließen möchten. Gehen wir also auf die Suche nach einem weiteren Kleinod - einem besonderen Lichtbringer des nunmehr bereits recht üppig blühenden Frühlingsflors.

Das Himmelschlüsselchen - ein Primelgewächs

Auf den Wiesenflächen zwischen der Betsäule und dem Mausoleum ist es ganz schnell entdeckt: das Himmelschlüsselchen – die Hohe Schlüsselblume oder Wald-Schlüsselblume (Primula elatior [L.] Hill) – wie sie auch genannt wird. Die kleine Wildstaude gehört zur artenreichen Pflanzenfamilie der Primelgewächse (Primulaceae). Ihr Verbreitungsgebiet reicht bis weit über die Grenzen Europas hinaus. Sie bevorzugt lichtschattige Standorte, humusreiche und dennoch ungedüngte, kalkarme Böden mit lehmigem Untergrund wie zum Beispiel feuchte Wiesen in Auen- oder Buchenwäldern.

 

Blütezeit: Von März bis Mai

Ihr lockerer, schlüsselförmiger Blütenstand mit seinem hellgelben Blütenflor kann bereits in den letzten Märztagen erstrahlen und bis in den Mai hinein anhalten. Die Blumen duften nicht sonderlich stark. Den Nektar tief am Blütengrund erreichen lediglich Hummeln und Schmetterlinge. Bienen gelangen nur dann an diese Nahrungsquelle, wenn es ihnen gelingt die Blüten am Grunde von außen aufzubeißen.

Die Blattoberfläche weist eine blasig-schaumige Textur auf. Dies würde in der Signaturenlehre, in der die Natur zeichenhaft ausgedeutet wird, einen Bezug auf die Lunge versinnbildlichen und auf eine arzneiliche Verwendung bei Lungenerkrankungen hinweisen. Die Äbtissin und Mystikerin Hildegard von Bingen hat im 12. Jahrhundert das Himmelsschlüsselchen wohl erstmalig in Verbindung mit medizinischen Anwendungen in ihren Schriften erwähnt.

 

 

Antidepressivum und Droge?

Der Hymelsloszel also bekommt vor allem von der Kraft der Sonne seine Stärke. Daher hält er auch im Menschen die Melancholie nieder. Ein an ihr Leidender soll dies Kraut auf dem bloßen Leibe über dem Herzen tragen.

Hildegard von Bingen
Das Porträt zeigt Hildegard von Bingen als Nonne.

Später wusste man aber noch ganz andere Dinge über die Schlüsselblume zu berichten. So schrieb der deutsche Arzt und Diplomat Johannes Hartlieb im 15. Jahrhundert in einem seiner Kräuterbücher:

Das Kraut heißt auch Teufelspisse, weil es in der Wurzel Löcher hat, die der Teufel dadurch gepisst hat. Wer das Kraut in einer Lauge kocht und das Haupt dareintunkt, dem vertreibt es die Unsinnigkeit und stärkt das Gehirn über alle Maßen.


Ein wissenschaftlicher Beleg hierüber wurde wohl nie erbracht, wohl aber über die krampflösende, entgiftende, schleimlösende und beruhigende Wirkung der pflanzlichen Inhaltsstoffe. Als Droge sind sie bis heute Bestandteil einer Reihe handelsüblicher Medikamente.

 

 

Der Bestand an Himmelschlüsselchen schwindet

Die gegenwärtige Klimaentwicklung ist dem Erhalt der Bestandsdichte der Schlüsselblumen abträglich. Fallen die Flächen in den warmen Sommermonaten in zunehmendem Maße trocken, leidet als erstes die Krautschicht, also die feuchtigkeitsliebenden, flachwurzelnden Arten, darunter. Die Selbstaussaaten finden zur gegebenen Zeit die zur erfolgreichen Keimung notwendige Grundfeuchte im Boden dann nicht vor, mit dem Resultat einer schlechteren Keimrate, weniger Jungpflanzenaufwuchs und einer abnehmenden Anzahl an Blüten in den Folgejahren. Das kann zur Folge haben, dass die Art langfristig bisher bevorzugte Standorte „verlässt“, über die Zeit auf andere Flächen abwandert und sich im besten Falle dort wieder etabliert – soweit Ausweichflächen in unmittelbarer Umgebung angrenzen, an denen die notwendigen Wachstumsbedingungen gegeben sind.

„Himmelsschlüsselwiese-Altzella“ - ein Naturdenkmal

Zudem hat Maßlosigkeit beim Sammeln kompletter Pflanzen die Schlüsselblumenbestände in der Vergangenheit stark dezimiert – fast wurde sie völlig ausgemerzt. In Deutschland steht sie seit langem unter Naturschutz, da sie nicht zuletzt auch verschiedenen geschützten Faltern als Futterpflanze dient.

 

Aus diesem Grunde liegt auf dem Flächennaturdenkmal „Himmelsschlüsselwiese-Altzella“ seit Jahren ein besonderes Augenmerk. So erfolgte im Jahre 2017 in Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde Meißen eine Dokumentation der Vegetation einschließlich des Schlüsselblumenbestandes.  Auf dieser Grundlage wird die jährliche Bestandsentwicklung beobachtet.

 

Möchte man das zierliche Gewächs gerne in seinem eigenen Garten ansiedeln, dann ist das durch Aussaat ohne größere Schwierigkeiten möglich. Entsprechendes Saatgut ist im Fachhandel erhältlich. Es darf nicht den Wildbeständen entnommen werden.

 

 

Ein Symbol der Hoffnung

Das Himmelsschlüsselchen als Hoffnungssymbol wird gerne für mancherlei Prophezeiung verwendet. Es wäre eine wunderbare Botschaft zu erfahren, dass die Schlüsselblumenwiese in Altzella noch lange Jahre ihre alljährliche Blütenpracht zur Schau stellen wird.

Damit möchte ich mich aus unserer kleinen Entdeckungsreise verabschieden. Aber spazieren Sie gerne selbst noch einige Schritte weiter. Es gibt vieles mehr zu entdecken, hier und überall – halten Sie die Augen offen und kommen Sie gesund durch diese außergewöhnlichen und fordernden Zeiten. 

Als langjähriger Mitarbeiter ist Michael Aehnelt im Bereich Gärten des Schlösserlands tätig. Dabei ist ihm das Augenmerk auf botanische Besonderheiten in unseren Gärten stets ein besonderes Anliegen.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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