Histories

Karl May dichtete in Weesenstein

Dr. Birgit Finger /

Ein schwarz-weiß Foto eines älteren Mannes. Er hat einen Schnurrbart, mittellanges Haar und einen Anzug. Er hat sein Gesicht auf seine Hand gestützt.
Karl May war einer der zahlreichen prominenten Reisenden, die im 19. Jahrhundert Schloss Weesenstein besuchten. Von Dresden aus konnten Tagesausflügler das Schloss als lohnendes Ziel erreichen. Der berühmte Schriftsteller weilte am 12. August 1898 im Müglitztal. Am 30. März 1912 starb er in Radebeul.

Reisen im 19. Jahrhundert

Bereits im 19. Jahrhundert begann ein Fremdenverkehr, der zahlreiche Besucher nach Weesenstein führte. Das zunehmende Interesse illustrieren Fremdenbücher, Reise- und Schlossführer sowie die aufblühende Souvenirproduktion. Mit der Eisenbahn wurde das Reisen für breitere Bevölkerungskreise erschwinglich. Die Müglitztalbahn, die auch in Weesenstein Halt machte, öffnete 1890 als schmalspurige Sekundäreisenbahn. Das Reisen entwickelte sich zum Massenphänomen. Eine verbesserte Infrastruktur mit Gasthöfen und erhöhter Sicherheit auf den Straßen trug zur Verbreitung des Reisens bei. Auch die Weesensteiner Schlossgaststätte geht auf diese Zeit zurück.

Es reisten nun also nicht mehr nur adlige, sondern auch bürgerliche Menschen. Schlösser, Burgen, Parks, Klöster und Ruinen dienten wegen der Mittelalterbegeisterung als bevorzugte Ziele. Die Entdeckung der heimischen Natur als Ausflugsort förderten die Maler der Romantik.

Es etablierten sich die Reisen in die Umgebung. Bereits in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts war die „Provinz“ als neues Reiseziel aufgetaucht. Zahlreiche Gemälde, Zeichnungen, Drucke zeugen davon. Regionale Reisen wurden immer beliebter, nicht nur durch die geringeren Kosten, sondern weil sie dem Zeitgeist, der Hinwendung zum Individualismus, der die Selbstbestimmung der Menschen in den Mittelpunkt stellt, entsprachen.

Schloss Weesenstein im 19. Jahrhundert

König Anton von Sachsen erwarb 1830 die Herrschaft Weesenstein mit dem Schloss als Privatperson und überführte es in Sekundogeniturbesitz. Mit ihm begann die königliche Ära. Damit stieg auch das Interesse bei den Besuchern, die sehen wollten, wie der König lebt! Laut den beiden erhaltenen historischen Fremdenbüchern war das Schloss seit 1834 zu besichtigen, wenn die königliche Familie nicht in Weesenstein war. Der Schlossverwalter oder seine Frau führten dann die Gäste gegen die Entrichtung eines Obolus durch die Schlossräume des Unterschlosses, Teile der Burganlage und des Brauhofbereiches mit der Schlossküche.

Berühmte Gäste von Schloss Weesenstein waren außer Karl May der Fürst Herman von Pückler-Muskau, William Turner, George Ticknor, Alexej Tolstoi, Eduard Leonhardi und Clara Wieck. Die Besucher stammten jedoch aus allen Bevölkerungsschichten: Schulklassen, Feuerwehrleute und Militärgruppen. Natürlich kamen auch bedeutende Vertreter europäischer Herrscherhäuser, vor allem aus Österreich die Habsburger und aus Preußen die Hohenzollern, um ihre Verwandten zu besuchen.

Der Abenteuerschriftsteller

Karl May wurde in erster Linie durch seine sogenannten Reiseerzählungen bekannt. Er schrieb dabei über Schauplätze in Mexiko, den Vereinigten Staaten und dem Nahen Osten, bevor er diese Orte überhaupt besucht hatte. Die in drei Bänden erschienene Geschichte über Winnteou, einen Häuptling der Mescalero-Appachen, gehört dabei zu seinen berühmtesten Werken. Insgesamt wurden seine Bücher weltweit etwa 200 Millionen mal verkauft, etwa die Hälfte davon in Deutschland. In den 1880er Jahren zog der aus Ernsttahl im Lankreis Zwickau stammende May nach Radebeul, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Dort findet sich heute ein Museum zu seinem Leben und zur Geschichte der native americans.

Der Ausflug nach Weesenstein

Karl May besuchte Schloss Weesenstein mit seiner Frau Emma am 12. August 1898. Auf vier Ansichtskarten, die er an eine befreundete Familie sendete schrieb er ein Scherzgedicht. Eventuell scheint es nicht sein bester Tag gewesen zu sein: 

 

Im alten Schloß zu Weesenstein

 

Im alten Schloß zu Weesenstein,

Da solls des Nachts sehr finster sein.

Warum so finster grad bei Nacht?

Das hat man nicht herausgebracht.

 

Wenn es des Nachts dort Zwölfe schlägt,

Der Klöppel zwölfmal sich bewegt,

Warum es grad zwölf Schläge macht,

Das hat man nicht herausgebracht!

 

Ein Dichter, dem dies ward bericht',

Der machte darauf ein Gedicht.

Warum er das Gedicht gemacht?

Das hat noch niemand 'rausgebracht!

Nutzanwendung: Im alten Schloß zu Weesenstein

Da sitzen wir so ganz allein.

Warum Ihr nicht mit uns gemacht,

Das hat noch keiner 'rausgebracht!

 

Vermutlich schrieb der Schriftsteller das Gedicht nach einer älteren Vorlage und passte die letzte Strophe an. Allerdings beeindruckte ihn das Weesensteiner Felsenschloss so sehr, dass er es als Vorbild für das Schloss Wiesenstein in seinem Fortsetzungsroman Deutsche Herzen − Deutsche Helden verwendete. Darin ist es der Lieblingsaufenthalt Prinz Oskars. In dem Schloss spielt der Schlussteil seiner Erzählung. Karl May schrieb selbst dazu:„Das Schloß hatte seinen Namen von dem Felsen erhalten, auf welchem es lag, und von den saftig grünen Wiesen, welche sich nach allen Seiten wie Buchten in den Gebirgswald hinein erstreckten. Da gab es eine wunderbar reine, heilkräftige und stärkende Luft. Dies und die romantische Lage des gleichnamigen Städtchens, welches zum Schlosse gehörte, zog im Sommer die Gäste von Nah und Fern herbei. Wiesenstein war klimatischer Kurort geworden, und sein Ruf als Sommerfrische für die höheren Stände der Gesellschaft verbreitete sich mit jedem Tage weiter. In Abwesenheit des Prinzen darf jeder anständig gekleidete Mensch den Schloßhof, den Garten und auch den Park betreten, [...] das Innere des Schlosses [...] [n]ur unter Führung eines Lakaien."

Und so war es tatsächlich auch in Weesenstein, nur das der Schlossführer kein Lakai, sondern der Schlossverwalter war.

 

Zur Zeit des Besuches von Karl May gehörte Schloss Weesenstein mit seinen Rittergütern Herzog Georg von Sachsen. Dieser nutzte es nur für sporadische Aufenthalte.

Dr. Birgit Finger hat in ihrer Jugend die Bücher von Karl May gelesen. Nun forscht sie als Museologin zur Geschichte von Schloss Weesenstein und ist dem Schriftsteller hier wieder begegnet.


Letzte Änderung: 24.01.2020

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