Kunst & Gut

"Howgh, ich habe gesprochen!" Koloniales Sammlungsgut auf der Burg Kriebstein

Alexander Hänel /

Axt
Im September erreichte mich eine E-Mail aus dem Museum für Völkerkunde Dresden: Eine Liste mit 21 „indianischen“ Exponaten, die allesamt von den Ureinwohnern Nordamerikas stammen sollen. Ob ich etwas über diese außergewöhnlichen Museumsobjekte wüsste, die schon vor über vier Jahrzehnten von der Burg Kriebstein an das Völkerkundemuseum gelangt waren: 1974. Ich wusste von nichts! Ein guter Anlass, um eine Forschungsexpedition in die eigene Museumsgeschichte zu starten. Sie wurde spannender als erwartet.

Sammlungsgut aus kolonialem Kontext

In unserem Depot befinden sich ebenfalls einige völkerkundliche Objekte, die nicht aus Europa stammen. 43 „Exoten“ aus dem Raum Asien, dem Orient, Afrika und Amerika: darunter vor allem Waffen, aber auch eine Maske, Musikinstrumente und Schmuckstücke. Der Blick ins Inventarbuch zeigt: alle sind darin als „Alter Bestand“ verzeichnet. Doch Moment mal, die Eintragung fand am 21. September 1974 statt. War das nicht auch das Datum der Übergabe an das Museum für Völkerkunde? Tatsächlich! Gehörten die Objekte aus Dresden und Kriebstein vielleicht zusammen? Ein weiterer Eintrag machte mich stutzig: Unter „Bemerkungen“ war Hohenstein-Ernstthal vermerkt.

 

Eine kleine Kriminalgeschichte

Wo könnte man noch nach Hinweisen suchen? In alten Akten wurde ich fündig. In einem schmalen Hefter fand ich ein Übergabeprotokoll. Der damalige Burgverwalter hatte die Objekte dem Museum für Völkerkunde überlassen. Er schloss das Protokoll mit den Worten „So, das wär’s. Winnetou hätte wohl gesagt: Uff oder hugh – ich habe gesprochen!“

 

Weitaus spannender aber war die Vorgeschichte, die ich in den Akten nachlesen konnte: Alle Museumsstücke waren 1955 noch zusammen von der Burg Kriebstein in das kleine sächsische Städtchen Hohenstein-Ernstthal gelangt; daher also die Eintragung im Inventarbuch. Dort wurden sie im Heimatmuseum als Teil einer Karl-May-Ausstellung gezeigt, die an diesen berühmtesten Sohn der Stadt erinnern sollte.

1964 schloss das kleine Heimatmuseum bereits wieder und die Exponate kamen auf den Dachboden der Pestalozzi-Schule in Hohenstein-Ernstthal. Später nahm sich die „Kulturgruppe für Indianistik“ der Sammlung ebenso euphorisch wie unbefangen an. Die Indianerfreunde bedienten sich für Aufführungen an den Exponaten, schmückten manche sogar mit neuen Federn und verfälschten so auch deren Originalität. Einige Stücke wurden auch zum Tauschen unter Sammlern genutzt. Hierzu ermittelte wenig später sogar die Kriminalpolizei, konnte aber nicht alle Stücke wiederfinden.

Erst ein später Hinweis machte das Völkerkundemuseum Dresden auf das Treiben der Indianistik-Gruppe und deren irritierenden Umgang mit indianischen Originalexponaten aufmerksam. Fachleute vom Völkerkundemuseum traten auf den Plan und nahmen die Objekte in Beschlag. Die Sammlung wurde begutachtet und schließlich zwischen Kriebstein und Dresden aufgeteilt: Die "Indianerstücke" gingen ans Völkerkundemuseum, der Rest an die Burg.

 

Fragen über Fragen

Die seltsame Geschichte ist an dieser Stelle aber noch nicht auserzählt. Denn wie sind die Stücke überhaupt nach Kriebstein gekommen: Gehörten sie den adligen Besitzern der Burg Kriebstein vor 1945? Oder sind sie erst zwischen 1945 und 1955 dorthin gekommen? Wie sind die unbekannten Vorbesitzenden an die Stücke gelangt? Wurden sie als Souvenirs auf einer Reise zusammengetragen? War es ein Waffensammler oder ein Volkskundler, der die Stücke auf dem Kunstmarkt kaufte? Wurden die Objekte den Ureinwohnern vielleicht sogar unrechtmäßig genommen?

All das bleibt vorerst offen. Erst künftige Forschung kann hier mehr Licht ins Dunkel zu bringen. In einem ersten Schritt sollen die Objekte in den nächsten Monaten auf der Online-Plattform museum.digital zugänglich gemacht werden. Dort können dann alle Interessierten Fotos und Daten der ethnologischen Sammlung der Burg Kriebstein abrufen und gegebenenfalls auch Hinweise auf deren Herkunft geben. Ich bin gespannt…

Alexander Hänel ist Museologe auf der Burg Kriebstein und freut sich, dort jetzt nicht nur Ritter, sondern auch "Indianer" gefunden zu haben.


Letzte Änderung: 30.04.2020

Weitere Artikel