Histories

Ein mittelalterlicher Wolkenkratzer

Alexander Hänel /

Wohnturm der Burg Kriebstein
Von den Menschen des späten Mittelalters wurde der Wohnturm der Burg Kriebstein sicherlich als Wolkenkratzer wahrgenommen. Doch was haben moderne Hochhäuser mit einem solchen mittelalterlichen Bauwerk gemeinsam? Eine Betrachtung am „Tag des Wolkenkratzers“.

Hoch hinaus

Heutige Wolkenkratzer erreichen schier unvorstellbare Höhen. Es sind Bauwerke der Superlative - das höchste Gebäude der Welt steht in Dubai und ist 830 Meter hoch. Mit solchen Gardemaßen kann der Wohnturm in Kriebstein nicht mithalten.

Er misst vom Sockel bis zur Spitze des Dachreiters ganze 45 Meter. Doch durch die exponierte Lage auf einem hohen Felsen wirkt der Bau noch viel höher. Wer am Ufer des Flüsschens Zschopau die Burg passiert und hinaufschaut und sieht, wie die Dohlen den in der Höhe aufragenden Wohnturm umkreisen, der kann den Eindruck gewinnen, die Wetterfahne kratze an den Wolken - auch wenn die Kriebsteiner Wolken häufig wohl niedriger hängen als die über Dubai.

Macht und Reichtum

Bauherr der Burg Kriebstein war Dietrich von Beerwalde. Als Niederadliger hat er es im 14. Jahrhundert am Hof von Markgraf Wilhelm dem Einäugigen zu großem Einfluss gebracht und es bis zum Hofmarschall geschafft. Der Bau der Burg mit dem Wohnturm sollte das Symbol dieses Aufstiegs sein. Neben dem Schaffen von Wohnraum stand natürlich die Demonstration von Macht und Reichtum im Vordergrund. Hier sollte gezeigt werden, wozu heimische Baumeister in der Lage waren und was man sich auch finanziell leisten konnte. Ob Dietrich von Beerwalde oder arabischer Scheich – beide wollten einen tiefen Eindruck hinterlassen. 

Vom Bau des Kriebsteiner Hochgeschossers selbst wissen wir so gut wie nichts: Nur, dass es etwa 23 Jahre dauerte, bis der Wohnturm vollendet war. Wahrscheinlich begann der Bau 1384 und endete um 1407. Ursprünglich schmückte ein Putz die Fassade. Das verlieh dem Wohnturm ein sehr herrschaftliches Aussehen. Mittlerweile ist die Außenhülle verwittert und man sieht das Bruchsteinmauerwerk. Aber noch gut zu erkennen sind die damals schon sichtbaren roten Steinquader an den Außenkanten des Baukörpers.

 

Wohn- und Wehrbau

Wohntürme waren ein wichtiges Bauwerk innerhalb vieler mittelalterlicher Burgen. Hier spielte sich das gesamte herrschaftliche Leben ab. Der Wohnturm von Kriebstein hat sieben Geschosse. Deutlich weniger als die Stahlbetonriesen unserer Zeit. Im Erdgeschoss befand sich die Küche, darunter die Keller. Die Repräsentationsräume waren in der zweiten Etage und darüber begann der private Bereich der Burgherren. In den beiden Dachgeschossen waren die Lagerräume. Lagerräume ganz oben? Ja! Lagergut wurde über Seilwinden, die sich in den befensterten Ecktürmchen des Daches befanden, nach oben transportiert und da sicher verwahrt.

Anders als bei den Wolkenkratzern mit spiegelnden Glasfassaden verzichtete man beim Bau des Wohnturms auf allzu viele Fensteröffnungen. Schließlich wollte sich die Burgmannschaft im Angriffsfall schützen und keine unfreiwilligen Einladungen aussprechen. Bis auf die großen offenen Fenster der Repräsentationsräume gab es nur kleinere Öffnungen in den Obergeschossen.

Die Belohnung

Das schönste an Hochhäusern ist der Blick vom Dach. Da sie meistens in großen Städten stehen, kann man in alle Richtungen über das Häusermeer schauen und hat einen guten Überblick. Die Burg Kriebstein umgibt vor allem Natur. Aus den Dacherkertürmchen kann man auf der einen Seite in das Zschopautal und über die Baumwipfel hinweg bis nach Waldheim sehen. Auf der anderen Seite schaut man in die Wälder entlang des Flusses. Einst dienten die Erker aber auch dazu Feinde zu bekämpfen. Zielsicher abgeworfene Steine sollten die Angreifer vom Eindringen in das Gebäude abhalten.

Um von unten nach ganz oben zu gelangen, muss man zahlreiche Stufen erklimmen und benötigt bei durchschnittlicher Fitness 8 Minuten. Einen Fahrstuhl hätten sich Dietrich und seine Mannschaft sowie mancher Besucher heute vermutlich gewünscht.

Der Dachboden sowie die anderen Etagen des Wohnturmes können im Rahmen von Sonderführungen besichtigt werden.

 

Alexander Hänel ist Museologe auf der Burg Kriebstein und wohnt im 1. Obergeschoss eines Dresdner Altbaus.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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