Histories

„Betrifft: Schloß Weesenstein“: Was wird aus dem Museum nach dem Krieg?

Dr. Birgit Finger/ Alexander Hänel /

Eine DDR-Fahne hängt an der sichtlich maroden Fassade Schloss Weesensteins
Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist eine Zäsur für die Museen in Ostdeutschland. Was wird nun aus ihnen unter den neuen Bedingungen? Ein Fund aus dem Weesensteiner Archiv zeigt: Auch das ehemalige Museum des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, das noch die wertvolle Ausstattung der Wettiner und ihrer Vorgänger zeigt, soll umstrukturiert werden. Aber wie? Einen Vorschlag unterbreitete der bekannte Schriftsteller Ludwig Renn in einem Brief vom 20. Juli 1949 an das Ministerium für Volksbildung. Der jedoch verläuft im Sande.

Schloss Weesenstein nach dem Krieg

Bis 1945 war Schloss Weesenstein ein wichtiger Auslagerungsort für Kunstschätze der Dresdner Museen gewesen. Es gehörte dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz und war bis zum Beginn der Einlagerungen 1942 als Museum geöffnet. 1947 war das Schloss dann der Landesregierung Sachsen, dem Ministerium für Volksbildung mit der Verwaltung der Schlösser und Gärten unterstellt worden. Ludwig Renn berichtet in seinem Brief, dass man sich in den „verschiedensten Kreisen der Regierung“ uneinig über die Zukunft des Schlosses sei. Wir wissen aus anderen Quellen, dass zeitweise ein Kinderheim geplant war, doch auch dieser Vorschlag wurde nicht umgesetzt.

Adliger Kommunist und Schriftsteller

Ludwig Renn ist einer der berühmtesten Schriftsteller der DDR. „Adel im Untergang“ ist sein bekanntestes Werk. Aber auch einige Kinderbücher wie „Trini. Die Geschichte eines Indianerjungen“, „Nobi“ sowie der Antikriegsroman „Krieg“ gehörten zum Repertoire des DDR-Deutschunterrichts.

 

Ludwig Renn hieß eigentlich Arnold Friedrich Vieth von Golßenau und gehörte zum sächsischen Adel. Er wurde am 22. April 1889 in Dresden geboren. Nach einer zunächst typischen Karriere mit Abitur, Offizierslaufbahn und Studium schloss er sich in den 1920er-Jahren der kommunistischen Ideologie an. Er wandte sich von seiner Herkunft ab, nannte sich nun nach einer seiner Romanfiguren „Ludwig Renn“ und stellte sich in den Dienst der KPD. Die Nationalsozialisten verfolgten ihn. Er floh, nahm am Spanienkrieg teil und kehrte erst 1947 aus dem Exil in Mexiko nach Dresden zurück. Dort übernahm er die Leitung des Kulturwissenschaftlichen Instituts und die Professur für Anthropologie an der Technischen Hochschule.

Der Plan: (Noch) Ein Feudalmuseum

Der Vorschlag Ludwig Renns: Schloss Weesenstein soll ein Feudalmuseum werden. In Weesenstein könnte man einzigartig „die Formen des Lebens und die Ausbeutung des Bauern vom Ende des naturalwirtschaftlichen Mittelalters an, also vor dem 14. Jahrhundert bis Anfang des 19. Jahrhunderts“ zeigen. Eine recht hohe Zahl von Räumen bedürfe kaum einer Veränderung, sondern müsse „höchstens etwas von späteren Bildern und dergl. befreit werden“, wie Renn in seinem Brief an das DDR-Bildungsministerium formuliert.

Die Unterdrückung der Bauern und deren Ausbeutung als Leibeigene durch den Adel ist ein wichtiger Baustein der sozialistischen Geschichtsschreibung: Dies zu vermitteln, dafür waren die Burg- und Schlossmuseen als ehemalige Adelssitze geradezu prädestiniert. Schließlich stand man im Juli 1949 kurz vor der Gründung des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden – der DDR. Erst sie bedeutete die Vollendung der Bauernbefreiung. Der Adel, das war der Klassenfeind. In vielen Museen erzählte man die gleiche Geschichte, aber immer ein bisschen anders – mit entsprechendem Lokalkolorit

...aber doch nicht.

Doch das Projekt „Feudalmuseum Weesenstein“ ist schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn gleich im Anschluss an seinen Vorschlag fügt Ludwig Renn gewichtige Gegenargumente an: Zum einen „liegt Schloss Weesenstein doch so weit entfernt von Dresden, daß zu befürchten ist, daß die Besucherzahl nicht dem Aufwand an Arbeit entspricht.“ Zum anderen „ist das Kulturwissenschaftliche Institut zwar an der Arbeit einer solchen Museumsgestaltung, in der man wirklich auch die Ausbeutungsverhältnisse des Feudalismus sehen könnte, sehr interessiert, verfügt aber zurzeit nicht über die nötigen Mitarbeiter, um neben seiner anderen Arbeit auch noch die einer solchen Gestaltung durchzuführen.“

 

So blieb der Originalzustand des Schlosses weitgehend erhalten, den die Mitarbeiter bis heute verantwortungsvoll pflegen.

Dr. Birgit Finger ist Kustodin auf Schloss Weesenstein und Alexander Hänel Museologe auf Burg Kriebstein. Beide forschen zur Geschichte "ihrer" Museen in der DDR-Zeit. 


Letzte Änderung: 30.04.2020

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