Kunst & Gut

Lieblingsobjekt: Ein Foto mit Luise von Toscana

Iris Kretschmann /

Auf dem Foto von 1906 hält Luise von Toscana ihre Tochter Anna Monica Pia im Arm.
Die Mitglieder des sächsischen Königshauses liegen Museologin Iris Kretschmann besonders am Herzen. Hier berichtet sie über ihr Lieblingsobjekt.

Ein besonderes Foto

Die Mutter steht neben ihrer Tochter. Sie umfasst das sitzende Kind beschützend mit ihrem rechten Arm. Mit ihrer Linken hält sie die rechte Hand der geliebten Tochter fest. Beide Gesichter berühren sich. Die Mutter trägt ihr gepflegtes, kastanienbraunes, glänzendes Haar – wie so oft – in einem lockeren, breiten Dutt und blickt etwas träumerisch in die Kamera. Ihre Tochter schaut mit ihren großen, neugierigen Augen ein bisschen traurig und ängstlich zum Fotografen. Ihre blonden, halblangen, üppigen Locken wurden seitlich mit einer schmalen Haarspange gebändigt. Beide tragen helle, leichte, duftige, sommerliche Hauskleider.

 

Diese Postkarte, erschienen im Jahr 1907 im Dresdner Kunstverlag Gustav Schmidt, zeigt Luise von Toscana (1870-1947), Kronprinzessin von Sachsen, mit ihrer dreijährigen Tochter Anna Monica Pia. Das Foto ist vermutlich im Sommer 1906 im Studio eines Fotografen in Italien entstanden. In Vorbereitung für eine Ausstellung zu Luise von Toscana wurde das Bild 2017 für die Sammlung von Schloss Pillnitz angekauft.

Ein unstetes Leben

Auf dem Bild erscheint Luises Blick etwas wehmütig. Denkt sie an die schönen Zeiten in ihrem geliebten Wachwitz mit ihrem ersten Ehemann, Kronprinz bzw. nun König Friedrich August III. von Sachsen, und den fünf Kindern zurück, die sie kurz vor Weihnachten 1902 für ihren Geliebten verließ?

Oder dachte sie an ihren ehemaligen Liebhaber, den charmanten Belgier André Giron, den Französischlehrer ihrer Kinder? Lange hat diese Beziehung nicht gehalten. Das war abzusehen, sie konnte keine Zukunft haben. Auch später, mit ihrem zweiten Ehemann, dem Pianisten und Komponisten Enrico Toselli, wird Luise nicht glücklich. Luise ist Zeit ihres Lebens rastlos, heimatlos. Sie bekommt 1908 ein Kind von Toselli, den kleinen Filiberto, liebevoll „Bubi“ genannt. Kaum ist er geboren, sehnt sie sich wieder nach Dresden und ihren Kindern zurück. Auch diese Ehe scheitert.

 

Die dramatische Trennung

Zurück zum Foto: Ahnt Anna Monica Pia, dass ihr die Mutter bald für immer genommen werden wird? Als das Kind im Mai 1903 auf die Welt kam, war Luise bereits auf der Flucht. Dennoch hatte Friedrich August die Kleine als seine Tochter anerkannt.

Ihren späteren Ehemann Toselli lernte Luise im Dezember 1906 in Florenz kennen, also erst nach der Entstehung des Fotos. Am 26. Oktober 1907, bereits einen Monat nach ihrer Hochzeit mit Toselli, muss Luise ihre geliebte Anna Monica Pia an ihren Ex-Ehepartner König Friedrich August III. abgeben. Eine Situation, die Luise fast das Herz bricht. Das Kind fragt bei der Übergabe traurig: „Wann sehe ich dich denn wieder, Mama“? Luises Antwort: „Das musst du Herrn Mattaroli fragen.“ Herr Mattaroli war der Rechtsanwalt, der das Kind im Auftrag des sächsischen Hofes entgegennahm.

 

 

Fakt ist: Für Mutter und Kind war dieser Moment dramatisch. Als Anna Monica Pia noch kleiner war, gab es Entführungsversuche im Auftrag des sächsischen Königs, die glücklicherweise fehlgeschlagen waren. Dennoch hatte diese Situation bei allen Spuren hinterlassen.

Die Mutter hat der Übergabe ihrer Tochter an den sächsischen Hof nur gegen eine Gegenleistung zugestimmt: die regelmäßige Zahlung einer hohen Geldsumme, einer sogenannten Apanage. Darauf war sie angewiesen. Nachdem sie vom sächsischen Hof fortgegangen war, war klar, dass ihre Kinder bei ihrem Ehemann bleiben mussten. Ein künftiger König gibt seine Kinder nicht freiwillig her!

Kein Happy End

Luise hat ihre Flucht zeitlebens bereut, das geht aus verschiedenen Briefen, unter anderem an ihre Bügelfrau Clara Herrmann, hervor. Ihre Sehnsucht nach Wachwitz und ihren Kindern war allgegenwärtig.

 

Anna Monica Pia wurde von ihrer Mutter „Moni“ oder „Monerl“ gerufen. Um die Erinnerung an die Mutter auszulöschen, bekam die Tochter einen neuen Rufnamen und wurde fortan nur noch „Prinzessin Anna“ genannt.

 

Über Luise durfte in Gegenwart von Friedrich August nicht gesprochen werden. Er ließ Fotos, Zeichnungen und Gemälde Luises von den Wänden entfernen, da sich die Kinder nicht an ihre Mutter erinnern sollten. Luise sollte ihre Tochter erst als Erwachsene wiedersehen.

Museologin Iris Kretschmann ist seit 1983 in sächsischen Schlössern tätig, anfangs in Moritzburg, jetzt in Pillnitz und Rammenau. Sie ist Mitherausgeberin von Begleitbüchern zu Sonderausstellungen über das sächsische Königshaus, so auch „Skandal bei Hofe! Die Flucht der Luise von Toscana, Kronprinzessin von Sachsen“.


Letzte Änderung: 30.04.2020

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