MACHT. EPOCHEN. DIMENSIONEN.

Zwinger Xperience – Digital Story

Besucht von Millionen von Menschen, eines der bedeutendsten sächsischen Kulturdenkmale – der Dresdner Zwinger ist weltberühmt. Doch kaum jemand kennt seine Geschichte! 

Die neue Erlebnisausstellung Zwinger Xperience nimmt euch ab Sommer 2021 mit in die überraschende Vergangenheit des Bauwerks. Hier laden wir zur Vertiefung ein – für alle, die mehr wissen wollen.

Klickt euch durch die Themen:

  1. Starke Sache
  2. Göttergarten 
  3. Pompöse Parties 
  4. Utopische Pläne
  5. Neuanfänge

STARKE SACHE

Herkules baut in Dresden

Mehr als Feste, Kunst und schöner Schein! Mit dem Bau des Dresdner Zwingers will Kurfürst Friedrich August I. – besser bekannt als August der Starke – herrschaftliche Stärke beweisen.

Dresden, 1709. Das Kurfürstentum Sachsen steckt in einer Krise. Landesherr August der Starke kämpft im Nordischen Krieg um die Rückgewinnung der polnischen Königskrone. Drei Jahre zuvor hatte er sie nach einer Niederlage gegen Schweden abgeben müssen – ein herber Macht- und Territorialverlust.

Nicht nur auf dem Schlachtfeld heißt es jetzt, Stärke zu demonstrieren. Auch in seiner Residenzstadt Dresden will August beweisen: Ich bin der Starke.

Er lässt einen neuen Bau errichten: für seine heißgeliebte Orangensammlung und für Festlichkeiten. Er soll allen seine Macht und sein Vermögen vor Augen führen.

 

Der gemeine Mann […] kan sich nicht allein recht vorstellen, was die Majestät des Königs ist, aber durch die Dinge, so in die Augen fallen, und seine übrigen Sinnen rühren, bekommt er einen klaren Begriff von seiner Majestät, Macht und Gewalt.

Julius Bernhard von Rohr
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Bauen als Herrschaftsbeweis

Der Standort

Wo ist Platz für einen neuen Bau? Dresden ist dicht bebaut und von einem Festungswall umschlossen. August fasst ein offenes Areal in der westlichen Bastionsspitze ins Auge – doch dient das eigentlich militärischen Zwecken.

 

Hier, im sogenannten Zwinger, konnte man im Angriffsfall Feinde zwischen Wehrmauern »Einzwingen«. Entgegen seiner militärischen Berater, die das Areal gern für die Stadtverteidigung bewahren wollen, beginnt der Kurfürst genau dort zu bauen. Der Name des Gebietes überträgt sich auf das neue Gebäude – den Dresdner Zwinger.

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Stadtgrundriss Dresdens um 1755.

© SLUB/ Deutsche Fotothek/ Foto: Regine Richter (CC BY-SA 4.0)

Der sächsische Herkules

Im Jahr der Grundsteinlegung des Zwingers, 1709, gelingt August dem Starken die Rückgewinnung der polnischen Krone. Der erneuerten Machtstellung soll das Bildprogramm des Baus Rechnung tragen. Als Skulptur stellt er sich an oberste Position: auf das Dach des Wallpavillons.

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Muskelbepackt, mit Löwenfell um die Hüfte und Keule über der Schulter trägt er eine schwere Kugel. In dieser Aufmachung verkörpert er einen bekannten Helden: Herkules!

Der Mythos des Herkules

Berühmt für seine übermenschliche Stärke, Kampfkraft und als Retter vor Gefahren, ist Herkules, Sohn des Göttervaters Jupiter und einer Sterblichen, seit jeher eine beliebte Identifikationsfigur. Insbesondere Herrschende setzen sich gern mit dem Halbgott in Beziehung.

Sein Mythos gründet sich vor allem auf die Bewältigung von zwölf unlösbar scheinenden Aufgaben, die ihm König Eurystheus aufträgt. Dabei triumphiert er über furchteinflößende Bestien, erledigt übermenschliche Arbeiten und beschafft unerreichbare Dinge.

 

Eine schwere Last

Der Mythos der zwölf Aufgaben lieferte die Inspiration für den sächsischen Herkules im Zwinger. 

 

Um nämlich in der elften Aufgabe für Eurystheus die goldenen Äpfel der Hesperiden zu pflücken, muss der Held den Riesen Atlas um Hilfe bitten. Doch wer trägt dann die Welt? Herkules schultert sie kurzerhand an Atlas‘ Stelle.

Im Zwinger stemmt August als »Hercules Saxonicus« eine Machttriade: Nach dem Tod des Kaisers Joseph I. 1711 lenkt er nämlich für kurze Zeit als Reichsvikar die Geschicke im nördlichen Teil des Heiligen Römischen Reiches. Damit vereint er drei Ämter in seiner Person: Kurfürst von Sachsen, König von Polen und Vikar des Heiligen Römischen Reiches!

Diese bedeutende Ämterfülle setzt August der Starke mit den Leistungen des griechischen Halbgottes gleich. 

Nichts fasst den Anspruch des Zwingerbaus so gut zusammen wie das Titelblatt eines Kupferstichwerks, das 1729 veröffentlicht wird:

 

Die königliche Orangerie von Dresden, [...] 1711 errichtet auf Befehl seiner Majestät des Königs von Polen, Kurfürst von Sachsen, Vikar des Reiches

Titel des Kupferstichwerks, 1729
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Über das Titelblatt

 

Büste Augusts des Starken

Sonderausstellung »Mythos August«

Mit Bildern, Bauwerken und Selbstdarstellungen arbeitet August schon zu Lebzeiten an seinem eigenen Mythos. Mit Erfolg: Die Nachwelt verleiht dem Kurfürsten im 19. Jahrhundert den Beinamen der Starke.

GÖTTERGARTEN

Die Anfänge als königliche Orangerie

Der Zwinger ist heute ein Hort der Künste. Bedeutende Gemälde, Porzellane und wissenschaftliche Instrumente sind hier ausgestellt. Doch entworfen wird er für andere Schätze: Zitrusbäume!

Seit 2009 sind sie zurück: die Orangen im Zwinger. In den Sommermonaten zieren jährlich 76 Pomeranzenbäume den Innenhof. Kaum vorstellbar, dass es unter August dem Starken Hunderte waren!

 

1.159 Orangen- und Zitrusgewächse und andere botanische Kostbarkeiten gehören zwischenzeitlich zu seinem Bestand in Dresden. Damals füllen sie die gesamte Fläche des Hofes aus – und im Winter die Galerien und Pavillons.

Wissen Sie denn nicht, dass es sich mit den Orangen wie mit dem Porzellan verhält, wen einmal diese Leidenschaft gepackt hat, der kann von beidem niemals mehr genug bekommen.

August der Starke, 1726
Büste Augusts des Starken

Geburt der Orangerie

Der Kurfürst ist im Orangenfieber und will seiner Sammlung einen angemessenen Rahmen geben.

 

Um 1709 skizziert er die erste Idee: eine halbrunde, mehrstufige Terrasse. Dort können die Bäume im Sommer aufgestellt werden. Sein Baumeister Matthäus Daniel Pöppelmann schreitet noch im gleichen Jahr zur Tat.

Doch die offenen Terrassen haben einen Haken: Im Winter können Orangen hier nicht draußen stehen. Sie vertragen das nasskalte Wetter nördlich der Alpen nicht.

 

Pöppelmann ändert den Plan ab, realisiert im Scheitel der Terrassen eine Treppenanlage und links und rechts davon steinerne, überdachte Bogengalerien – ein Orangeriegebäude.

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Matthäus Daniel Pöppelmann

 

Noch immer erinnern die vielen hohen Bogenfenster an diese erste Funktion des Zwingers. Sie lassen das Licht in den Innenraum, das die sonneliebenden Orangen dringend nötig hatten.

 

Die heutigen Nutzer, die Staatlichen Kunstsammlungen und die Schlösser, Burgen und Gärten, stellt das eher vor Herausforderungen.

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(K)ein Museumsbau

Die goldenen Äpfel

Warum sammelt August der Starke ausgerechnet Orangen? Damals gelten sie in Europa als sagenumwobene Früchte des Südens.

 

Zitrusfrüchte stammen ursprünglich aus Asien. Nach Europa – und hier zunächst in den Mittelmeerraum – gelangten sie über alte Handelswege auf dem Land und später auch per Schiff. Dort verknüpfte man sie im 15. Jahrhundert mit einem antiken Mythos: den goldenen Äpfeln aus dem Garten der Hesperiden.

Der Sage nach wachsen in einem geheimen Göttergarten goldene Äpfel, die Unsterblichkeit, ewige Jugend und Fruchtbarkeit verheißen. Sie sind gut bewacht: von der Schlange Ladon und den Hesperiden, Töchtern der Nacht und des Abendsterns.

 

Nur wenigen Fabelwesen ist der Weg zum Garten bekannt. Sterblichen bringt er üblicherweise den Tod. Doch einem gelingt es, sie zu erlangen: Herkules! Es ist die vorletzte seiner zwölf Heldentaten.

 

Klar, dass der sächsische Herrscher, der sich selbst als Herkules gibt, von diesen »Äpfeln« nicht genug bekommt.

Orange ist das neue Gold

Viele europäische Fürstenhäuser legen damals große Orangerien an, stellen die Pflanzen zur Schau, verwenden ihre Früchte als Festdekoration und besondere Küchenwürze. Neben der mythologischen Liebhaberei sind Orangen eben auch ein Statussymbol.

Die italienische Familie der Medici gibt 1713 eine großformatige Bilderserie mit verschiedensten Zitrussorten beim Hofmaler Bartolomeo Bimbi in Auftrag. Damit will sie ihre Verbindung zum mythischen Göttergarten inszenieren – und ihren Wohlstand. Auch die Oranier in den Niederlanden setzen die Orange als Erkennungszeichen ein. Nicht zufällig ist die Landesfarbe dort bis heute Orange.

 

Schon im Einkauf sind die Bäume ausgesprochen teuer – und nicht überall zu bekommen. August der Starke kauft viele auf der Leipziger Messe – damals das Zentrum des exotischen Pflanzenhandels. Andere erwirbt er direkt bei Kaufleuten.

Ein Lieferschein von 1716 ruft stolze 13.605 Taler auf – für 281 Orangenbäume. Manche kosten 400 Taler das Stück! Die Kosten für die Pflege – wässern, beschneiden, rein und raus räumen – und für die Errichtung von Orangeriebauten sind da noch gar nicht eingepreist. Zum Vergleich: der Jahreslohn eines Arbeiters in den erzgebirgischen Kobaltwerken betrug etwa 55 Taler.

 

Vor diesem Hintergrund ist der Zwinger als Orangerie nicht bloß gefälliger Göttergarten – er ist eine bewusste Zurschaustellung des kurfürstlich-königlichen Vermögens.

Kennt ihr alle Sorten?

Die Vielfalt in den Orangerien ist groß! Ein Klick verrät mehr.

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Buddafinger-Zitrone

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Apfelsine

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Bergamotte

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Pomeranze

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Zitrone

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Zitronat-Zitrone

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Pampelmuse

POMPÖSE PARTIES

Der Zwinger als Festkulisse

August der Starke verwandelt den Zwinger in eine gigantische Festkulisse. Ganz Europa soll hier den Glanz des sächsischen Hofes zu spüren bekommen.

Im September 1719 ist Dresden im Festrausch. Es geht um die Hochzeit von Augusts Sohn, des Kurprinzen Friedrich August, mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha. Sie könnte Sachsen die Kaiserkrone bescheren – und das soll gefeiert werden.

Sieben prächtige »Planetenfeste« und viele weitere Festakte in der Residenzstadt und ihrer Umgebung sollen Europa zeigen, dass Sachsen des Kaisertitels würdig ist. Ganz vorn mit dabei: der Zwinger, der gleich zwei Hauptveranstaltungen eine Bühne bietet.

Zwinger im Rausch

In der Fassade der »Königlichen Orangerie« rauscht es bereits gewaltig. Das Sockelgeschoss des Zwingers tragen Satyrn, bocksbeinige Wesen aus dem Gefolge des Dionysos. Der griechische Gott steht nicht nur für Wein, sondern auch für Rausch, Wahnsinn und Theater.

 

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Nicht minder lebendig wirken die Hermen am Wallpavillon. Fast schon tanzen die Halbfiguren aus dem Stein heraus!

 

Der barocke Bildhauer Balthasar Permoser scheint die Funktion des Zwingers als Festkulisse vorausgeahnt zu haben. Dabei war lange gar nicht klar, wie es mit dem Zwingerbau weitergeht…

Keine halben Sachen

Mit der offiziellen Verkündung der Verlobung des Kurprinzen im Februar 1718 kommen in Dresden die Festvorbereitungen auf Touren. Hunderte Gäste sollen Turniere, Opern, Bälle, Festessen, Feuerwerk und Jagden erleben – barocke Festkultur, volles Programm.

Die Zwingerorangerie könnte dafür als Festplatz dienen – doch ist das Areal bisher nur halb bebaut: Wallpavillon mit seitlichen Bogengalerien und Pavillons stehen, ebenso die Langgalerie mit dem Kronentor. Der Rest ist offen und wenig ansehnlich. Was nun? Schließlich geht es um Politik!

Der Griff nach der Kaiserkrone

Von langer Hand hatte August der Starke die Verbindung seines Sohnes mit der österreichischen Erzherzogin Maria Josepha eingefädelt.

Maria Josepha (1699–1757) war die älteste Tochter des 1711 ohne männliche Nachkommen verstorbenen habsburgischen Kaisers Joseph I. – und unter gewissen Umständen Thronerbin des Heiligen Römischen Reiches. Wenn nämlich Josephs Bruder und Nachfolger, Kaiser Karl VI., ebenfalls keine Söhne bekam, regelte das Habsburgische Hausgesetz von 1703, dass die Töchter Josephs I. in der Thronfolge Vorrang vor jenen Karls VI. hätten.

Karl VI. hatte diese Regelung zwar 1713 in der sogenannten Pragmatischen Sanktion wieder aufgehoben und seinen eigenen Töchtern den Vorrang eingeräumt. Doch alles konnte man nach seinem Tod anfechten – aus sächsischer Sicht war 1719 noch nichts entschieden. Umso wichtiger, sich jetzt schon kaiserlich darzustellen!

 

Die nahende Hochzeit bringt Schwung in die Weitergestaltung des Zwingers. Wieder liefert August die Idee: die Spiegelung der bestehenden Baugruppe, um einen geschlossenen Platz zu kreieren.

 

Das Jupiterfest

Am 15. September 1719 kommt die Festgesellschaft im Zwinger zum Jupiterfest zusammen. In einem opulenten Festzug ziehen 637 kostümierte Personen und 429 Pferde in den Hof ein. Sie stellen die Vier Elemente dar: Feuer, Wasser, Erde und Luft, die symbolischen Bausteine der Welt.

Die Planeten

 

Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn – für jeden »Planeten« wird 1719 ein Fest veranstaltet.

 

Das Motto hat am sächsischen Hof Tradition. Schon Augusts Großvater ließ Planeten in Göttergestalt in Festumzügen auftreten, um seine Herrschaft symbolisch »von ganz oben« zu legitimieren. August lässt sie nun zusammenkommen, um der Öffentlichkeit die Vermählung seines Sohnes als kosmische, glückbringende Fügung zu verkaufen.

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Alles ist penibel durchchoreographiert

Das Element des Wassers

 

Beim Jupiterfest wird jedes der Vier Elemente durch spezielle Kostüme und Attribute gekennzeichnet. Wer beim Element des Wassers mitläuft oder reitet, trägt blau-silberne Kleidung, dekoriert mit Elbmuscheln und Korallenstücken. In der Hand halten die Teilnehmer Stangen mit Netzen und Fischen.

Die Qualität der Kostüme spiegelt dabei die höfische Rangfolge wieder. Die kostbarsten Stoffe und Materialien sind dem jeweiligen »Chef« eines Elementes vorbehalten. Als Kurfürst und König führt August der Starke das Feuer an. Sein Kostüm ist das teuerste von allen. Sein Sohn, der Bräutigam, steht an zweiter Stelle. Er übernimmt die Rolle als Anführers des Wassers.

Das oberkleid blauer atlaß, an den ermeln und allen kanten mit einer silbern tressen eingefaßet worauf rothe und silbern muscheln mit silbern lahn versezet waren das ganze kleid und die ermel, seynd überall mit krebsen und corallenzincken von erhobener seydner arbeit

Beschreibung des Kostüms des Kurprinzen als „Chef des Wassers“

Feuer, Erde, Luft

 

Pferde tanzen Ballett

Nach dem feierlichen Einzug in den Zwingerhof vollführen die Reiter ein opulentes Ballett. Sie reiten sechzehn komplizierte Figuren: Kreuze, Kreise, Spirale und mehr! Die Koordination ist eine Herausforderung – oft bleiben nur wenige Augenblicke, um rechtzeitig in die richtige Lücke zu reiten...

Das Merkurfest

Mit der »Jahrhunderthochzeit« setzt August der Starke neue Maßstäbe in der europäischen Festkultur. Trotzdem klappt es mit der großen Krone für seinen Sohn am Ende nicht. Karls älteste Tochter, Maria Theresia, wird sich nach einem achtjährigen Erbfolgekrieg als Thronerbin behaupten.

Diese Enttäuschung erlebt August der Starke nicht. 1733 stirbt der Herrscher mit seinen Visionen.

UTOPISCHE PLÄNE

Ist der Zwinger eigentlich fertig?

Als Orangerie fing alles an. Doch August der Starke und Baumeister Pöppelmann hatten große Pläne. Ein ambitioniertes Residenzareal sollte mit dem Zwinger als Vorgarten entstehen!

Geschlossen, vollkommen, wie aus einem Guss – hätte man den Zwinger je anders bauen können, als er heute vor uns steht?

Was man dem Bauwerk kaum ansieht: Jahrelang hatten August der Starke und Matthäus Daniel Pöppelmann um eine große Erweiterung gerungen.

Gartenanlagen, Wasserkaskaden, Palastbauten und Turnierplätze sollten sich bis zur Elbe erstrecken. Doch die Prinzenhochzeit 1719 und sich ändernde Umstände erforderten kurzfristige Lösungen. Das Großprojekt kam nie zur Ausführung. Nur die Elbseite blieb langfristig ein Raum für Visionen.

Zwinger und Schloss verbinden

Vor der Schaffung des geschlossenen Festplatzes 1719 wird der Zwingerhof als offenes Gartenparterre verstanden. Eine seiner vielen Planungen zu dessen baulicher Einfassung hält Pöppelmann in einer großen, inzwischen leider verschollenen Schauvedute fest. Zur Elbe hin ist darin der als Ziergarten angelegte Zwingerhof um einen Turnierplatz mit Reithalle erweitert. Für das alte Residenzschloss, das in unmittelbarer Nähe liegt, würde der Zwinger so zu einem Schlossgarten avancieren.

Passend zum Zwinger will August der Starke das veraltete und zum Teil ausgebrannte Residenzschloss zeitgemäß erneuern. Pöppelmann entwirft ihm hierzu mehrere Varianten für die stadtseitige Fassade entlang der Schlossgasse – speziell diese harmoniert gut mit dem in der Vogelperspektive projektierten Zwinger.

 

Der Brunnenturm

Höhepunkt des Gartenparterres soll ein von Wasserkaskaden dominierter Brunnenturm sein, flankiert von zwei Triumphtoren. Allein die Wassertechnik dafür wäre eine große Herausforderung gewesen!

 

Der Masterplan

Ein komplett neues Residenzareal?

In einem tischgroßen Generalplan legt Pöppelmann schließlich seine Vision eines weitläufigen neuen Residenzareals für August den Starken vor. Der Zwingerhof ist darin bloß eine Art Vorgarten.

 

Der Entwurf ist eigentlich kaum zu realisieren und dient vielmehr der Demonstration von Augusts Gedankengröße. Im Ehrenhof wird deswegen auch auf die monumentale Sonnenuhr des Kaisers Augustus angespielt.

daß der Landbaumeister Pöppelmann nachher Wien und Rom gehen soll und […] die ihm mitgegebenen Risse zu hiesigem Schloß Bau mit denen vornehmsten Bau Meistern und Künstlern zu überlegen…

Anweisung Augusts des Starken an seinen Baumeister Pöppelmann

Schon zu Beginn der Zwingerplanungen hatte August seinen Baumeister auf Studienreise geschickt, um die Entwürfe mit der künstlerischen Elite Europas „zu überlegen“. Dabei ging es auch darum zu zeigen, dass Sachsen baulich mit der Zeit geht und mit europäischen Höfen mithalten kann.

 

Von seinem visionär gedachten Residenzentwurf zeichnet Pöppelmann nur eine Ansicht. Sie stellt den tiefen, vom ehemaligen Festungsgraben durchtrennten Ehrenhof dar, dessen eindrucksvoller Blickpunkt der hochaufragende Mittelpavillon des Haupttraktes ist. Das Dach ist mit einem Krönungsmantel überworfen – ein Gleichnis für die Größe königlicher Macht!

Dorf statt Palast

Zur Umsetzung der Residenzpläne kommt es nie. Augusts Sohn und Nachfolger setzt ab 1733 andere Prioritäten. Auf dem Bereich zur Elbe, dem heutigen Theaterplatz, siedeln Bauhandwerker und Künstler vornehmlich italienischer Herkunft, die ab 1739 zum Bau der neuen katholischen Hofkirche benötigt werden. Dieses »Italienische Dörfchen« bleibt bis ins 19. Jahrhundert bestehen.

Abschluss zur Elbe

Wie der Zwinger städtebaulich mit der Elbe verbunden werden soll, bleibt lange offen. Erst im 19. Jahrhundert findet man eine dauerhafte Lösung.

Anfangs wollte man auf der Elbseite die gegenüberliegende Langgalerie samt Kronentor spiegeln. Doch es kommt nur bis zum Fundament. Auf dem baut man 1719 eine temporäre, hölzerne Zuschauertribüne für die Festlichkeiten der Prinzenhochzeit.

 

Gottfried Semper

 

1834 wird Gottfried Semper als Professor der Baukunst an die Dresdner Akademie der bildenden Künste berufen. In der Tradition Pöppelmanns beschäftigt er sich wieder mit einer Erweiterung des Zwingers in Richtung Elbe. 1842 veröffentlicht er einen Idealplan für ein großes Kulturforum auf dem Gelände des heutigen Theaterplatzes.

 

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Die Semperoper

Die Sempergalerie

Neben einem neuen Hoftheater soll Gottfried Semper unbedingt auch ein neues Hofmuseum für die berühmte Gemäldegalerie errichten. In seinem Idealplan platziert Semper das Gebäude gegenüber dem Residenzschloss. So wäre der Raum vom Zwingerhof zur Elbe ein offenes Forum geworden.

 

Realisiert wird ein neuer Bau für die Gemäldegalerie schließlich an der unvollendet gebliebenen Nordseite des Zwingerhofes, der nunmehr von allen Seiten eingefasst ist. 1855 wird der sogenannte »Semperbau« eröffnet. Er beherbergt bis heute die Alten Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

NEUANFÄNGE

Warum der Zwinger nicht kleinzukriegen ist

Die Jahrhunderte gehen ins Land, die Stadt verändert sich, doch der Zwinger bleibt. Trotzdem ist heute längst nicht alles genau wie zu Augusts Zeiten.

Früher wie heute flanieren Menschen durch den Zwinger …

… hat sich denn in 300 Jahren gar nichts verändert?

Spätestens mit Augusts Tod im Jahr 1733 hat der Zwinger als Festkulisse erstmal ausgedient. Er avanciert zu einem »Palais des Sciences«: Die königlichen Kunstsammlungen ziehen in die Pavillons und Galerien ein.

Diese Umnutzung sichert dem Zwinger langfristig eine wichtige Rolle und seine Existenz. Sie sorgt für ein wiederkehrendes Bemühen um den Erhalt der Architektur und Plastik. Denn die Zeit geht nicht spurlos am Stein vorbei.

In Trümmern

Im Zweiten Weltkrieg vernichtet der Luftangriff auf Dresden im Februar 1945 große Teile der historischen Stadtbebauung. Auch den Zwinger treffen die Bomben hart. Doch obwohl die ganze Stadt in Schutt und Asche liegt, beginnt unmittelbar sein Wiederaufbau. Der Zwinger bedeutet der Stadtbevölkerung viel.

Es ist die weitreichendste, wenngleich nicht die einzige Zerstörung in seiner Geschichte. Sechsmal ist der Zwinger infolge von Zerstörungen und Alterungsprozessen restauriert beziehungsweise wiederaufgebaut worden.

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Frühe Verluste

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Die Restaurierungen

Nachträglich vervollständigt

Nahezu 600 Großfiguren, Putti und Vasen verzieren, rahmen und beleben die Architekturkulisse des Zwingers. Zur ursprünglichen Entstehungszeit Anfang des 18. Jahrhunderts schmückte ihn jedoch nur etwa ein Drittel davon.

Der Großteil der hinzugekommenen Skulpturen wurde während späterer Rekonstruktion- und Restaurierungsphasen als Kopien der Zwingerskulptur oder barocker Skulptur aus anderen Schloss- und Gartenanlagen Sachsens ergänzt.

Dadurch wirkt der Zwinger heute zwar »vollständiger« als im Barock, doch es steht nur noch ein kleiner Teil der originalen Skulpturen am Bau.

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Balthasar Permoser

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Teamwork

Neuanfang im Nymphenbad

Das versteckt hinter der Bogengalerie L und dem Französischen Pavillon liegende Nymphenbad ist ein Ort ganz eigener Magie. Als Besucher fühlt man sich ein wenig wie ein heimlicher Beobachter an diesem intimen Badeort der Nymphen, Schutzgöttinnen des Wassers. Fast meint man, verstärkt durch das Plätschern des Wassers, das fröhliche Badevergnügen selbst zu hören.

Seit 1712 ist am Nymphenbad gebaut worden. In Vorbereitung der Hochzeit 1719 drängte August der Starke auf seine Fertigstellung. Schwierig war wohl die Versorgung mit Wasser: Dies musste mit Hilfe von Holzleitungen aus dem Plauenschen Grund bis zum Zwinger geführt werden. Zur Hochzeit konnten die Wasserspiele in vereinfachter Form betrieben werden.

Icon Fachartikel

Die Restaurierung des Nymphenbades im Dresdner Zwinger

Nach dem Tod August des Starken wuchert das Nymphenbad zunehmend zu und verfällt. Erst im 20. Jahrhundert nimmt man sich seiner wieder an und beginnt ab 1924 eine umfassende Restaurierung. Dabei ergänzt der Bildhauer Georg Wrba (1872–1939) die unter August dem Starken leer gebliebenen Nymphennischen auf der Nordostseite mit eigenen Schöpfungen.

 

Im Zweiten Weltkrieg bleibt das Nymphenbad weitgehend verschont. Zwischen 2006 – 2008 wird es umfassend restauriert und instandgesetzt.

Die Nymphe geht baden

 

Während der Restaurierungsarbeiten erhalten alle Nymphen noch einmal direkt die Gelegenheit zum Bade. Im Stein hatten sich schädliche Salze festgesetzt. Ein mehrwöchiges Wannenbad mit entionisiertem Wasser löst die Salze und schützt so den Stein langfristig vor Schäden.

 

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Permosers Nymphen

Und die Orangen?

Bis weit ins 19. Jahrhundert wird der Zwingerhof jeden Sommer zum Orangerieparterre. Doch statt nur der Obrigkeit vorbehalten zu sein, wandelt sich der Hof zum bürgerlichen Stadtgarten und Kinderspielplatz. Leider zieht das die Bäume immer mehr in Mitleidenschaft.

Äste und Wurzeln werden abgebrochen, nach den Früchten wird mit Steinen geworfen, die Stämme erleiden durch Heraufklettern oder beim Spielen durch Hämmern und Kratzen die empfindlichsten Beschädigungen, ...

... die Kübel und noch nachtheiliger die Oberflächen der Wurzelballen werden verunreinigt, auf letzteren herumgewühlt und oft mit nicht hingehörenden Flüßigkeiten begoßen.

Gartendirektor Gustav Friedrich Krause im 19. Jh.

1880 sieht Gartendirektor Gustav Friedrich Krause (1821–1895) keinen anderen Ausweg: Die bereits arg dezimierten Bäume müssen in sicherere Gefilde umziehen. Sie kommen nach Pillnitz und Großsedlitz.

Pillnitz

In der Orangerie in Pillnitz steht bis heute der vermutlich älteste Pomeranzenbaum Deutschlands. Er stammt höchstwahrscheinlich aus dem Zwinger und damit aus den Ankäufen Augusts des Starken. Mittlerweile ist er ca. 6,50 m hoch.

Großsedlitz

2009 ziehen neue Orangen in den Zwinger ein. Die kalte Jahreszeit verbringen sie jedoch immer geschützt im Barockgarten Großsedlitz. Unsere Gärtner hegen und pflegen den Bestand sorgfältig.

Zwinger Xperience

Der jüngste Neuanfang im Zwinger ist die Ertüchtigung der Bogengalerie L für die neue Erlebnisausstellung Zwinger Xperience. Mit einem multimedialen Feuerwerk, Panoramaprojektionen und VR-Technologie vermittelt diese die Geschichte des Bauwerks auf eindrucksvolle Weise. Überzeugt euch selbst!

 


Letzte Änderung: 28.07.2021

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