Dresdner Zwinger – Geschichte in fünf Episoden

Wer Orangen hat, hat Macht!

Wie muss es zur Zeit Augusts des Starken geduftet haben, als der Zwinger mit unzähligen Orangenbäumen gespickt war! 1.159 Exemplare befanden sich einst hier und im nahe gelegenen Herzogin Garten. Zahlreiche weitere Bäume waren in Großsedlitz und in Warschau untergebracht. Mehrere tausend Zitrusgewächse, über 30 verschiedene Sorten, nennt August um 1726 sein eigen – ein Kurfürst im Orangenfieber!

 

Wissen Sie denn nicht, dass es sich mit den Orangen wie mit dem Porzellan verhält, wen einmal diese Leidenschaft gepackt hat, der kann von beidem niemals mehr genug bekommen.

August der Starke, 1726
Büste Augusts des Starken

Augusts orangene Sammelleidenschaft geschieht dabei nicht nur aus bloßer Sinnesfreude. Orangenbäume zu besitzen zeugt im 18. Jahrhundert von größter Macht: Die empfindlichen Bäume nördlich der Alpen zu kultivieren, ist enorm aufwändig – das kann sich nicht jeder leisten. Deshalb ist dem Kurfürsten die Präsentation seiner Orangen auch besonders wichtig. Angefangen hat es 1709 mit einer Handskizze, auf der er dafür eine vierstufige Terrassenanlage im Halbrund vorsieht. Gedacht ist sie für den Bereich des damaligen Zwingergartens, einer alten Gartenanlage zwischen äußerer und innerer Mauer der Dresdner Festungsanlage. Von diesem Bereich, der im Festungsbau als „Zwinger“ bezeichnet wird, rührt der spätere Name des weltberühmten Bauwerks her, das hier in den Folgejahren entsteht.

 

Ein Omega und zwei Alphatiere

Wer heute den Dresdner Zwinger betritt, denkt vermutlich am wenigsten an die ursprünglich militärische Funktion des Gebiets. Zu schwungvoll und festlich erhebt sich das Gebäudeensemble am einstigen Stadtgraben. Was wie aus einem Guss anmutet, ist aber in Wahrheit das Ergebnis einer Improvisation.
Improvisiert hat Matthäus Daniel Pöppelmann, seit 1705 sächsischer Landbaumeister, und zwar im sprunghaften Wechselspiel mit seinem Fürsten August dem Starken. 1709 formt Pöppelmann aus Augusts Terrassen-Skizze zunächst zwei überdachte Bogengalerien mit einer imposanten Treppenanlage als krönendem Scheitelpunkt. Mit dem Bau der beiden wallseitigen Pavillons an den Enden der Galerien bis 1716 entsteht eine – später vielgelobte – Omega-Form im Grundriss. Hier finden die vom Kurfürsten heiß geliebten Orangen in den kalten Wintermonaten Aufstellung.
 

 

Weil sich der Platz vor der Orangerie aber auch als vortrefflicher Festort erweist, ist es damit noch nicht getan. Mit hölzernen Langbauten wird das Areal des heutigen Zwingerhofes umrahmt. Nach und nach werden sie in Stein ausgeführt. Doch insgesamt ist der Planungs- und Bauprozess alles andere als stringent. Ständig verändern August und Pöppelmann die Entwürfe, denn eigentlich soll der Zwinger Teil eines neuen Schlossensembles werden, das bis zur Elbe reicht – was so aber nie verwirklicht wird.

 

"Kaiserschmarrn" im Zwingerhof

Ein näher rückendes Ereignis verleiht der mäandernden Bauausführung den entscheidenden Antrieb: die Hochzeit des Kurprinzen Friedrich August im Jahr 1719. Nichts geringeres als die Kaiserwürde stand dem Kurfürsten vor Augen, als er die Vermählung seines einzigen legitimen Sohnes mit der habsburgischen Kaisertochter Maria Josepha arrangierte. Die Hochzeitsfeier ist daher auch ein politisches Ereignis. Sechs Millionen Taler ist sie August wert – und wird ganze vier Wochen dauern! Den Zwinger kürt er hierbei zum herausragenden Austragungsort: ein Festplatz mit einer kongenialen Tribünenarchitektur für unzählige Gäste. Für diesen Zweck fällt im Voraus die pragmatische Entscheidung, die wallseitige Baugruppe der Orangerie einfach zu spiegeln.


Beim Jupiterfest, dem Höhepunkt des Festmarathons 1719, erleben die Gäste auf dem nunmehr symmetrisch gefassten Platz die Geburt der Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft in Form eines Reiterballetts. Über 600 Darsteller und 460 Pferde ziehen in prachtvollen Kostümen durch das Kronentor in den Zwinger. In diesem Hexenkessel vollführen 68 Reiter sechzehn ineinanderfließende Figurationen und enden mit einer den Kosmos symbolisierenden Spirale. Mit dieser Darbietung erklärte sich August gegenüber den Habsburgern mit ihrer Hofreitschule auch auf diesem Gebiet als ebenbürtig. Nur aus der Kaiserkrone wurde letztlich nichts.

 

Lebendige Steine

Noch ein Name ist untrennbar mit dem Zwinger verbunden: Balthasar Permoser. Der aus dem Chiemgau stammende Bayer kommt 1689 als Hofbildhauer nach Dresden – und belebt die sächsische Bildhauerschule nachhaltig.

 

Unter Permosers Leitung schafft ein Team an Bildhauern den reichen Skulpturenschmuck des Zwingers. Fast schon tanzen die Figuren aus dem Stein heraus, so lebendig wirken zum Beispiel die „Hermen“ am Wallpavillon. Die Architektur wird zu einer rauschenden Inszenierung.

Ein Hort der Kunst

Heute ist der Zwinger für seine herausragenden Kunstsammlungen bekannt: feinste Porzellane, mathematisch-physikalische Instrumente und weltberühmte Gemälde vieler Epochen begeistern ein internationales Publikum in den Galerien und Pavillons. Schon unter August dem Starken zogen die ersten Kunstschätze hier ein. 1847 bis 1855 wird – nach Plänen von Gottfried Semper – die nördliche Seite des Zwingers mit dem Bau der Gemäldegalerie geschlossen.

Und die Orangen? Mit dem Einzug der Kunstsammlungen verlieren sie ihr Winterquartier und siedeln in den benachbarten Herzogin Garten um. Im Sommerhalbjahr stehen sie weiterhin im Innenhof des Zwingers – zumindest bis 1880. Da hatte sich der Zustand der Bäume durch schlechte Pflege und, tja, herumtollende Kinder derart verschlechtert, dass Gartendirektor Gustav Friedrich Krause einen Schlussstrich zieht. Er lässt die arg dezimierten Bäume nach Pillnitz und Großsedlitz bringen.

Mehrfach in seiner Geschichte wurde (und wird) der Zwinger überarbeitet und restauriert – teils wegen Zerstörungen oder Verfall, teils wegen sich wandelnder Denkmalvorstellungen. Der Barockstadt Dresden ist er jedenfalls zum Wahrzeichen geworden. Ja, und seit 2017 gibt es auch sie wieder: die Zitrusbäume im Zwinger!

 


Letzte Änderung: 25.08.2020