Klosterpark Altzella – Geschichte in fünf Episoden

Bauverzug im Kloster

Am 1. November 1198 war es endlich so weit. Die Kirche des Zisterzienserklosters Altzella konnte nach etwa 20-jähriger Bauzeit geweiht werden. Zahlreiche geistliche und weltliche Würdenträger, darunter die Bischöfe Dietrich von Meißen, Eberhard von Merseburg und Berthold von Naumburg, waren gekommen, um den prächtigen, rot leuchtenden Kirchenbau zu weihen. Die Kirche war damals der größte Backsteinbau Sachsens. Durch seine hoch aufstrebenden Dächer war Altzella nun schon von Weitem sichtbar, seine Glocken machten es überall im Umland hörbar. Markgraf Otto von Meißen hatte das Kloster einst gestiftet. 36 Jahre war das inzwischen her – und nun schließlich konnten die Mönche feierlich in ihr neues Gotteshaus einziehen. Der Markgraf freilich erlebte diesen Festtag nicht mehr. Er war schon 1190 gestorben und fand seine letzte Ruhe zunächst auf der Kirchenbaustelle – immerhin war der Chorbereich damals vermutlich schon komplett errichtet. Nun aber bot der mächtige Backsteinbau mit seinen hohen Gewölben und dem prächtigen Hochaltar endlich einen würdigen Rahmen als Grablege für die Verstorbenen aus markgräflichem Haus und als Ort des Gottesdienstes der Altzellaer Mönche.

Mord an der Mulde

Das Kloster Altzella war ein wichtiger Machtfaktor in Mittelsachsen. Im späten Mittelalter gehörten drei Städte und über siebzig Dörfer mit Feldern, Wäldern, Teichen und Steinbrüchen zum Klosterbesitz. Hier forderten die Mönche Abgaben oder sprachen Recht. Kein Wunder, dass man sich dabei Feinde im Umland machte. Im Mittelalter wurden solche Nachbarschaftsstreitigkeiten häufig mit Gewalt ausgetragen. Im Oktober 1362 traf es Johannes, den Abt von Altzella. Der Klostervorsteher war offenbar gerade auf dem Weg von einer Reise zurück nach Altzella. Bei Döbeln wurden er und sein Gefolge überfallen. Dabei tötete einer der Täter den Abt. Die Täter gaben sich keine Mühe, ihre Identität zu verbergen. Schon bald kursierten die Namen der Verdächtigen: Ritter Caspar von Kyaw soll den Mord begangen haben.

Unterstützt wurde er unter anderem von Kutschel von Canitz, Heinrich von Kiebitz und Hentschel von Jeßnitz. Die meisten der Täter waren wohl Adlige aus der Umgebung Döbelns. Auslöser der Tat könnte ein Streit um Besitzungen bei Dresden zwischen den Mönchen und der Familie von Kyaw gewesen sein, der schon mehrere Jahrzehnte andauerte. Vielleicht war es aber auch ganz anders: Abt Withego von Maltitz, der dem ermordeten Johannes im Amt als Klostervorsteher folgte, war familiär mit einem der Täter verbunden. Diese jedenfalls kamen mit dem Leben davon. Sieben Jahre nach der Tat einigte sich der Mörder mit dem Kloster auf eine Sühnezahlung von 224 Schock Meißnische Groschen, wobei ein Schock 60 Münzen entsprach. Damit war der Fall beendet.

Luther ist doof!

Anfang des 16. Jahrhunderts erlebte das Kloster Altzella seine letzte Blütezeit. Während sich in Wittenberg und Torgau bereits Martin Luther mit seinen reformatorischen Gedanken bemerkbar machte, blieb im Meißner Raum noch alles beim Alten. Doch Paul Bachmann, ab 1522 Abt des Klosters in Altzella, ahnte die Gefahr, die von den 95 Thesen des Reformators ausging. Schließlich hatte Luther das traditionelle Klosterleben in Frage gestellt und dabei in beleidigender Sprache auf die Kirche geschimpft. In ebenso polemischer Sprache trat Bachmann den Argumenten des Reformators entgegen. Luther sei ein „wild geiferndes Eberschwein“, dessen Gestank man schon von Weitem riechen würde, schrieb er in einem 1524 erschienen Text. Der Reformator würde Nonnen und Mönche mit Geld und Geschenken aus den Klöstern locken und dabei die Kirche und die Ehre Gottes verhöhnen.

Erfolgreicher in seiner Argumentation war allerdings Luther. Seine Texte fanden eine weitaus größere Verbreitung als die Texte Bachmanns oder anderer Verteidiger der katholischen Kirche. Schließlich entschied die Zeit den Kampf um die richtige Glaubensrichtung im Meißner Land. Paul Bachmann starb 1538. Auch der neue Landesherr, Herzog Heinrich der Fromme, förderte die Einführung der Reformation. Martin Luther hatte gesiegt. Das Ende des Klosters Altzella war besiegelt.

Klösterliche Mondlandschaft

In Folge der Reformation wurde das Kloster aufgelöst. Die meisten ehemaligen Mönche verließen Altzella. Andreas Schmiedewald, letzter Abt des Klosters, führte als Pächter den landwirtschaftlichen Betrieb in der alten Klosteranlage noch einige Jahre fort. Bald standen die alten Mauern jedoch komplett leer. Die Gebäude verfielen und wurden als Steinbruch genutzt. Erst im 17. Jahrhundert erwachte bei den Wettinern wieder das Interesse an der mittelalterlichen Grablege ihrer Vorfahren. So beorderte Herzog Ernst der Fromme einige Arbeiter mit Schaufeln in die alte Klosterkirche, als er im Winter 1638 auf dem Weg von Weimar nach Dresden an Altzella vorbeikam. Ob damals tatsächlich etwas ausgegraben wurde, ist nicht überliefert. Als erste richtige Ausgrabung archäologischer Art gelten die Arbeiten, die ab 1676 unter der Leitung des Oberlandbaumeisters Wolf Kaspar von Klengel durchgeführt wurden. Und tatsächlich fanden die Arbeiter damals unter Gestrüpp und Schutthaufen Reste der markgräflichen Grablege, darunter vier noch weitgehend erhaltene Grabdenkmäler. Sie konnten der Stifterfamilie zugeordnet werden und schmückten einst die Gräber Ottos des Reichen, seiner Frau Hedwig und der beiden Söhne Albrecht dem Stolzen und Dietrich dem Bedrängten. In einer Zeit, in der auch die Wettiner ihre mittelalterlichen Vorfahren wiederentdeckten, gaben die gefundenen Skulpturen den Anstoß zur Errichtung einer neuen Grabkapelle am Standort der Klosterkirche.

Depressiv im Muldental

Im September 1880 traf Caspar David Friedrich in Altzella ein. Noch war er nicht der weltberühmte Künstler, sondern nur ein noch relativ unbekanntes, wenn auch aufstrebendes Talent. Nach einem Studium an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen war er im Sommer 1798 nach Sachsen gekommen, um seine Studien an der Dresdner Akademie fortzusetzen. Geplagt von schweren Schicksalsschlägen, dem selbst verschuldeten Tod des jüngeren Bruders, einer unglücklichen Liebe und allgegenwärtigen Selbstzweifeln, erwanderte sich der junge Künstler die Umgebung von Dresden auf der Suche nach Motiven und Inspiration.

Seine Wege führten ihn die Elbe entlang in die Sächsische Schweiz, aber auch durch den Plauenschen Grund nach Tharandt und schließlich nach Mittelsachsen. Schon 1799 skizziert er das Nossener Schloss. Ein Jahr darauf kehrt er zurück und taucht für zwei Tage in die düstere Atmosphäre der Altzellaer Klosterruinen ein. Es entstanden Skizzen von Abtei, Schüttgebäuden und Weinkeller. Allerdings zeigen Friedrichs Zeichnungen nicht, dass Altzella zu dieser Zeit wieder eine Baustelle war. An der Stelle der alten Klosterkirche ließ Kurfürst Friedrich August III. nämlich seit 1787 ein helles, tempelartiges Mausoleum als Gedenkstätte für seine mittelalterlichen Vorfahren errichten. Doch Caspar David Friedrich interessiert sich scheinbar nur für das Alte und Verfallene. Die Ruine des Sommerspeisesaals scheint ihn besonders beeindruckt zu haben. Aus der Skizze von 1800 wird dreißig Jahre später ein großes Gemälde: „Ruinen im Walde“.


Letzte Änderung: 24.08.2020