Rammenau im Ausnahmezustand: Kriegsauswirkungen der letzten 300 Jahre.

Auch Rammenau blieb im Laufe der Jahrhunderte nicht von den Auswirkungen großer politischer Ereignisse verschont. Immer wieder prägten kriegerische Auseinandersetzungen das Leben der Menschen vor Ort und hinterließen sichtbare wie spürbare Spuren.

Der Siebenjährige Krieg

Als der preußische König Friedrich II. im Jahr 1756 ohne Kriegserklärung in Sachsen einmarschierte, wurde auch Rammenau von Kriegswirren erfasst. Preußische und österreichische Truppen zogen durch die Gegend, erzwangen ihre Unterbringung bei den ortsansässigen Bewohnern und verzehrten deren Vorräte.

Schon nach wenigen Tagen sollte auch unsere Gegend spüren, daß Preußen abermals als Sachsens Feinde erschienen sind.

Armin Dreßler, Ortschronist Rammenau

Alltag im Ausnahmezustand

Häufig haben die Menschen in ihrem Alltag wenig von der Machtpolitik ihrer Landesherren mitbekommen. Kriege aber wirkten sich unmittelbar auf alles aus, auch der Siebenjährige. In Rammenau wurden Felder verwüstet, Wagen und Pferde mitgenommen und die Kühe geschlachtet. Die Menschen hungerten und litten unter der Verteuerung der Lebensmittel. Es kam zu Zwangsrekrutierungen. Darüber hinaus mussten auch noch die feindlichen Truppen verpflegt werden.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen ließen nicht lange auf sich warten. Im Jahr 1759 beispielsweise klagte der Erb- und Lehnrichter über den Verlust des traditionellen „Bierzugs“ – eines feierlichen Umzugs bei Hochzeiten durchs Dorf. Aufgrund der Kriegswirren war dieser ausgeblieben. Der Gutsherr verdiente am Bierbrauen mittels der Vergabe von Schankrechten. Deswegen erfolgte prompt die Reaktion: Eine Verordnung verpflichtete alle Einwohner, bei Hochzeiten wieder den Bierzug durchzuführen.

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Ausbleiben des Bierzuges

Königliches Hauptquartier

Das Schloss Rammenau diente im Herbst 1758 dem Preußenkönig Friedrich dem Großen als Hauptquartier. Zwei Wochen blieb der König im Schloss, das ihn und seine Truppen versorgen musste. Während seines Aufenthaltes in Rammenau hat der König mit Magenkrämpfen zu kämpfen.

Es geht dem König nicht gut. Viel Magenschmerzen und Unterleibskrämpfe. Jede Körperlage tut ihm weh. 

Rammenau, 04. Okt. 1758

 

Schließlich zog er mit 700 Wagen voller Proviant weiter Richtung Dresden. Dabei plünderten die Truppen alles, was ihnen in die Hände fiel – und hinterließen Verwüstung.

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Nichts als Verwüstung

Die Napoleonischen Kriege

1813: Ein Jahr des Leidens

Im Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig, 1813, erlebte Rammenau eine besonders leidvolle Phase kriegerischer Verwüstungen. Allein der Winter begann schon mit extremer Kälte, und erste Nachzügler der geschlagenen napoleonischen Armee zogen in kläglichem Zustand durchs Dorf.

In den folgenden Wochen waren französische Einheiten im Ort einquartiert und forderten Lebensmittel. Besonders nach der Schlacht bei Bautzen im Mai lag das Gros der französischen Armee in und um Rammenau – mit Lagerfeuern auf den Höfen, Plünderungen und Brandstiftungen. Viele Einwohner flohen mit Vieh und Habseligkeiten in die umliegenden Wälder. Nach der Vertreibung der Franzosen folgten vier Wochen russischer Besatzung, in denen die verbliebenen Vorräte beschlagnahmt wurden.

Insgesamt erlebte das Dorf Rammenau während der Befreiungskriege gegen Napoleon in den Jahren von 1806 bis 1814 rund 48 Einquartierungen: französische, russische und preußische Truppen – insgesamt über 7.300 Soldaten mit fast 4.400 Pferden! Die Gemeinde wurde zu Transportdiensten gezwungen und musste erhebliche Abgaben und Naturalien leisten: Vieh, Getreide, Branntwein, Mehl und Salz.

Geplündertes Gut

Auch die Rammenauer Gutswirtschaft musste in den Jahren 1813 und 1814 massive wirtschaftliche Verluste verkraften. Zwei französische Armeekorps waren jeweils über zwei Wochen dort stationiert. Der Gutsherr Friedrich von Kleist verlor fast sein gesamtes Vieh, sämtliche Vorräte sowie landwirtschaftliche Geräte, Wagen und Geschirre. Selbst das Schloss wurde beschädigt. Die Verluste beliefen sich in Rammenau auf über 24.000 Taler – ein enormer Betrag für die damalige Zeit.

Alles musste neu angeschafft und ersetzt werden. Der Gutsbesitzer lebte nahezu ausschließlich von seinen Ersparnissen – was einer völligen wirtschaftlichen Notlage gleichkam. Trotz allem dankte er Gott dafür, dass er nicht völlig zugrunde ging, zumal ihm durch den Tod seiner Mutter Ende 1813 eine große Erbschaft zufiel, die ihn wirtschaftlich stabilisierte und ihm Hoffnung gab, seinen Nachkommen etwas hinterlassen zu können.

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Über 24 tausend thaler...

Der Erste Weltkrieg

Leben unter Kriegsbedingungen

Im Ersten Weltkrieg bangten viele Rammenauer Familien um ihre männlichen Angehörigen: 251 Männer wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Dem Ort wurden damit wichtige Arbeitskräfte genommen. Die Versorgungslage verschlechterte sich zusehends. Lebensmittel, Kohle und Kleidung wurden streng rationiert und nur gegen Bezugskarten ausgegeben. Brot wurde mit Kartoffeln, Reis oder Rübenmehl gestreckt.

Erschwerend kam hinzu, dass die Ernten der Jahre 1916 und 1917 sehr gering ausfielen. Der Bevölkerung blieb nichts anderes übrig, als sich von Gemüse und Kohlrüben zu ernähren. Der Begriff „Kohlrübenwinter“ war geboren, der den dramatischen Höhepunkt in der schlechten Versorgungslage der Menschen beschreibt.

Die wöchentliche Brotration betrug 1.900 Gramm pro Person, Butter war nur in kleinen Mengen erhältlich. Diese Not und Knappheit führte zu Schwarzhandel und stark steigenden Lebensmittelpreisen.

Während also die Männer als Soldaten an der Front um ihr Leben kämpften, starben rund 750.000 Zivilisten deutschlandweit an Unterernährung und deren Folgen. Nach Kriegsende kehrten übrigens 179 Männer nach Rammenau zurück – 72 Dorfbewohner hatten ihr Leben verloren.

Gut geführt

Die Gutsbesitzer Margarethe von Helldorff und ihr Ehemann, Heinrich von Helldorff, waren zu einem sehr frühen Zeitpunkt vom Ersten Weltkrieg betroffen. Heinrich von Helldorff geriet noch in den ersten Kriegsmonaten in russische Kriegsgefangenschaft. In dieser Zeit musste sich die Gutsbesitzerin allein um das Gut kümmern. Neben der Gutswirtschaft sorgte sie sich um das im Schloss eingerichtete Lazarett, das in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz und dem Johanniterorden entstand. Die Helldorffs unterstützten zudem die Familien der Soldaten in Rammenau mit Brotzuwendungen.

 

Pferd und Pflicht

Pferdeaushebungen waren ein zentraler Bestandteil der Kriegslogistik im deutschen Kaiserreich. Mit dieser Maßnahme konnte die Armee im Kriegsfall kriegstaugliche Pferde von zivilen Pferdebesitzern gegen Bezahlung beschaffen. Rammenau als ländlich geprägte Region war davon in besonderem Maße betroffen. Bereits vor Kriegsbeginn mussten alle Pferdebesitzer – sowohl in der Gemeinde als auch im selbstständigen Gutsbezirk – jährlich die Zahl und den Zustand ihrer Tiere melden.

Am 24. August 1914 erhielt der Gutsvorsteher des Schlosses Rammenau die Aufforderung der königlichen Amtshauptmannschaft, die Liste der „kriegsbrauchbaren Pferde“ zu aktualisieren.
Im Januar 1917 mussten schließlich auch Tiere zur Musterung vorgeführt werden, die zuvor als „kriegsunbrauchbar“ gegolten hatten. Diese Ausweitung der Aushebungen verdeutlicht den zunehmenden Bedarf und die angespannte Versorgungslage der deutschen Armee im fortschreitenden Krieg. Auch die Familie von Helldorff meldete Pferde.

Das Ende der Monarchie

„Das Deutsche Reich ist eine Republik. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.“

Art. 1, Weimarer Reichsverfassung

Mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 endete die Monarchie im Deutschen Reich. Als 1919 die Weimarer Reichsverfassung in Kraft trat, verlor Margarethe von Helldorff – wie alle Angehörigen des deutschen Adels auch – ihre Standesprivilegien. Die neue Verfassung erklärte die Gleichheit aller Deutschen vor dem Gesetz. Erbliche Titel wie „Graf“, „Freiherr“ oder „von“ galten fortan lediglich als Teil des bürgerlichen Nachnamens – nicht mehr als Ausdruck rechtlicher oder gesellschaftlicher Sonderstellung. Steuerliche Belastungen, drohende Enteignungen und der Verlust politischer wie gesellschaftlicher Sonderrechte stellten den bisherigen Lebensstil grundlegend infrage.

„Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten. Öffentlich-rechtliche Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes sind aufzuheben. Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verliehen werden. (…)“

Art. 109, Weimarer Reichsverfassung

Der Zweite Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg stellte die Verhältnisse in Rammenau völlig auf den Kopf. Das Schloss wurde zum Auslagerungsort für Kunstwerke aus den Dresdner Kunstsammlungen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete zugleich die Ära von Schloss Rammenau als adliger Familiensitz.

Alltag zwischen Front und Flucht

385 Männer aus dem Ort wurden zum Militärdienst eingezogen. Die Auswirkungen des Krieges waren aber nicht nur in der Ferne zu spüren. Im Januar 1945 zogen lange Flüchtlingstrecks aus Oberschlesien durch den Ort. Viele fanden für eine Nacht Unterkunft in den Häusern der Dorfbewohner. Der Krieg hatte jede gewohnte Ordnung aufgelöst. Die örtliche Polizei war im Dauereinsatz, um das Chaos unter Kontrolle zu halten. 

Kunstvoll versteckt

Die Dresdner Museen suchten dringend sichere Orte außerhalb der Stadt, um die Kunstwerke vor Bombenangriffen zu schützen. Gutsbesitzerin Margarethe von Helldorff stellte Schloss Rammenau zur Verfügung.

Das Gebäude musste dafür feuertechnisch gesichert werden. Im Oktober 1943 wurde ein Feuerschutzanstrich der hölzernen Dachstühle dringend angeordnet. So schnell wie möglich – da das Schloss bereits mit Kunstgut belegt war. Zuvor musste noch der Dachboden entrümpelt werden, um die Maßnahme überhaupt durchführen zu können.

Nach dem Krieg

Im Mai 1945 besetzte die Rote Armee das unversehrte Schloss Rammenau. Margarethe von Helldorff war kurz zuvor zu ihrer Familie nach Sachsen-Anhalt geflohen. Das Schloss hatte sie schon länger nicht mehr bewohnt.
Angesichts der drohenden Enteignung im Zuge der Bodenreform versuchte sie, ihren Grundbesitz an eine mexikanische Aktiengesellschaft zu verkaufen. Der Versuch scheiterte. Im Herbst 1945 verlor sie sämtliche Immobilien und Ländereien.
 

Rammenau. Jahrhundertealter Familienbesitz in andere Hände übergegangen. Eines der ältesten hiesigen Bauerngüter, das mehrere Jahrhunderte hintereinander im Familienbesitz war, wurde von der Bauernsiedlung Dresden käuflich erworben und wird gegenwärtig nach modernen Wirtschaftsgrundsätzen umgebaut.

Pulsnitzer Anzeiger - Ohorner Anzeiger

Mit der Enteignung ging die Schlossanlage Rammenau in staatliches Eigentum über – der größte Bedeutungswandel ihrer Geschichte. Im neu gegründeten sozialistischen Staat DDR zogen neue Menschen und Nutzungen ein. Dieser Wandel prägt die Schlossanlage bis heute.

Literatur und Quellen

  • Aktiv und Passiv Verzeichnis in Merz 1816, Staatsarchiv, Staatsfilialarchiv Bautzen, 50196 Gutsherrschaft Rammenau, Nr. 127.
  • Ausbleiben des in Kriegszeiten bei Hochzeiten üblichen Bierzuge, 1759, Schlossarchiv Rammenau, V 3192, S.
  • Dreßler, Armin: Chronik des Fichte-Dorfes Rammenau, 1962.
  • Pulsnitzer Anzeiger – Ohorner Anzeiger vom 03.08.1939, Nr. 178, S. 3.
  • Von Doppeln-Bronikowski, Friedrich/Bolz, Gustav Berthold: Gespräche Friedrichs des Großen, Reimar Hobbing, Berlin 1919, S. 88.

Letzte Änderung: 02.07.2025