IHRE HOHEIT MALT!

Prinzessin Mathilde als Künstlerin

Fast niemand kennt Prinzessin Mathilde, die ältere Schwester des letzten sächsischen Königs. Dabei war sie keine »typische« Prinzessin. Äußerst begabt und mit neuem Blick widmete sich Mathilde der Malerei. Und das in einer Zeit, in der die Kunst auf dem Kopf steht. Lernen Sie die vergessene Künstlerin kennen!

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Mathilde Marie Auguste Viktorie Leopoldine Karoline Luise Franziska Josepha Prinzessin von Sachsen

 

 

 

 

 

... und dann standen wir stramm und sahen die Prinzessin an. Sie sah älter aus als sie sein mußte, und hatte ein langes rotes Gesicht. Man hatte mir immer von ihrem Hochmut erzählt, aber was ich sah, war nichts als Verlegenheit.

Ludwig Renn, Adel im Untergang, Berlin/Weimar 1979

Meine Schwägerin ist eine außergewöhnliche Frau. ... Alles Weibliche fehlte ihr ganz, und sie liebte es, als ein esprit fort (Freidenker – starker Geist) zu gelten, der weit über der intellektuellen Sphäre anderer stehe.

Louise von Toskana, Mein Lebensweg, Berlin 1911

Mathilde hat sich gar nicht viel aus sich selbst gemacht.

Anna Hanisch, Sekretärin von Mathilde

Dagegen malte eine seiner Schwestern, die dicke und häßliche Prinzeß Mathilde, und zwar gut.

Ludwig Renn, Adel im Untergang, Berlin/Weimar 1979

… Mathilde ritt leidenschaftlich gern, doch mußten ihre Pferde mit besonderer Sorgfalt ausgewählt werden, damit nicht die armen Tiere unter ihrem Gewicht zusammenbrächen.

Louise von Toskana, Mein Lebensweg, Berlin 1911

... wer war diese Prinzessin, an dem der Volksmund kaum ein gutes Haar lässt?

Als junge Frau erhält Mathilde eine künstlerische Ausbildung und widmet sich der Malerei. Das ist am Hof zunächst keine Seltenheit. Auch Mathildes Tante, Königin Carola von Sachsen, und ihre Schwester, Erzherzogin Maria Josepha von Österreich, malen und zeichnen.

Dass man passabel künstlerisch ausgebildet wird, gehört zum Standard höfischer Erziehung. Doch, dass jemand über das Passable hinauswächst, bleibt selten. Mathilde gelingt es.

 

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Ausbildung

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Ausstellungen

Deutschland ist mit großen Namen vertreten. … Die Großherzogin Mathilde von Sachsen zeigt uns eine gute Ansicht von Dresden.

« L’Allemagne est représentée par de grands noms. ... La grande-duchesse Mathilde de Saxe nous montre une bonne Vue de Dresde.»

Die Moderne

Während Mathilde malt, ändert sich die Malerei um sie herum radikal. Mit dem Aufkommen der Fotografie übernimmt diese die Aufgabe, Dinge wirklichkeitsgetreu abzubilden. Die Künstler erfinden hingegen das Malen neu: Sie werden expressiv, abstrakt oder konkret. Es geht um Farben, Formen, Gefühle und Gedanken. Mathildes Malerei ist noch nah am Gegenständlichen, aber auch sie malt sich frei.

Realistisch oder abstrakt?

‹Das ist ja gut!› flüsterte ich Rolf zu. Er nickte. ‹Warum malt sie eigentlich nicht den König an der Tafel? Oder ihre reizende Schwägerin Immaculata, sondern einen Lakaien?›

Ludwig Renn über das Gemälde „Pratersaal“ in einer Kunstausstellung in Dresden, Adel im Untergang, Berlin/Weimar 1979

In Mathildes Bild »Pratersaal« fehlt die Herrschaft, ihr eigener königlicher Stand! Ihr Thema ist die schlichte, aber perfekt verrichtete Arbeit der Dienerschaft. Im Gegensatz zu der aufkommenden abstrakten Malweise steht dieses Gemälde im Bann des Realismus. 

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Realismus in der Kunst

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Bei dem Gemälde »Mer de glace« ist alles ganz anders. Hier löst sich Mathildes Gestaltung vom Bildgegenstand. Sie setzt die Farbe mit Pinselstrichen, die eine grobe, pastose Eigenstruktur haben. In wenigen Jahren hat sich Mathildes Bildauffassung von einer realistischen zu einer eher abstrakt strukturellen gewandelt.

 

 

Mathilde von Sachsen, Mer de glace (Gletscher), 1913, Öl auf Leinwand, Privatbesitz (Foto: Constanze Görlich-Wolf)

Impressionismus oder Expressionismus?

Breit, schwungvoll, intuitiv wird Mathildes Malweise. Mehr und mehr malt sie aus sich heraus.

Die Freitreppe am Wasserpalais ist die »Kulisse« für einen herrschaftlichen Auftritt in Pillnitz. Mathilde ist das egal! Sie interessiert nur das fast theatralische Spiel aus Licht, Himmel und Wasser. Famos impressionistisch gemalt, fängt sie das gleißende Licht ein.

​​​​​​​Das Bild duftet!

 

Mit Raffinesse und Könnerschaft malt Mathilde den Atem ihres Rosengartens in der Villa Hosterwitz im spätimpressionistischen Stil. In der Villa lebt sie von 1918 bis zu ihrem Tod 1933.

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Mathilde von Sachsen, Garten im Sommer, undatiert, Öl auf Leinwand, Privatbesitz (Foto: Constanze Görlich-Wolf)

 

 

Im »Sommergarten« scheinen die Farben direkt aus der Tube auf die Leinwand »gekleckst«. So kann die Farbe ihre Kraft entfalten. Damit reflektiert Mathilde die grundlegenden Veränderungen in der Kunst um die Jahrhundertwende. 

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Impressionismus, Expressionismus

Die Rückbesinnte

Neben der Beschäftigung mit modernen Bildsprachen hat Mathilde beim Malen noch ein zweites Gesicht. In diesem verraten sich ihre künstlerischen Wurzeln.

Für die Kirche St. Martin in Mackenrode malt Mathilde 1931 das Altarbild »Christus in Emmaus«. Als Vorbild gilt ein gleichnamiges Gemälde von Alfred Richard Diethe, heute in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. 

 

Diethe, über viele Jahre Mathildes Privatlehrer, war von der tief religiös begründeten Bildsprache der Nazarener geprägt. Diese steht eher für das beginnende 19. Jahrhundert, doch klingt sie bei Mathilde noch spät nach – vor allem in ihren Auftragsarbeiten mit religiösen Themen.

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Bildsprache der Nazarener

Seiner Zeit voraus! Prinz Max von Sachsen – Priester und Visionär (2019)

Durch ihren Bruder Prinz Max hat Mathilde eine besondere Verbindung zur Religion. Als Priester und Professor vertritt dieser einen fortschrittlichen Katholizismus. Er steht in engem Kontakt zu Mathilde. 

 

Die beiden Heiligen Franz und Clara von Assisi, die sie 1926 für das Klarissenkloster in Bautzen malt, spielen auch für ihn eine besondere Rolle.

Die Reisebloggerin

Mal eben mit dem Smartphone ein Foto zu machen, um ein Erlebnis oder eine Erinnerung festzuhalten, ist heute eine Alltäglichkeit. Zu Mathildes Zeit ist das noch aufwendiger. Auf ihren vielen Reisen hat Mathilde gerne ein Skizzenbuch dabei, in welchem sie Gesehenes und Erlebtes dokumentiert.

 

Zwei bis drei Mal im Jahr besucht sie ihre Schwester Maria Josepha in Wien oder in deren Sommerresidenz Miramar bei Triest. Besonders eindrucksvoll sind ihre Reisen 1910 nach Ägypten, Palästina und Nordarabien, sowie 1912 nach Ägypten und Palästina. Sie reist gemeinsam mit ihrem Bruder Johann Georg und seiner Frau. 1912 ist sie bei der Entdeckung der Nofretete dabei. 

 

Doch auch zuhause ist Mathilde überaus aktiv:

Prinzessin Mathilde, sie war unverheiratet, studierte privat Theologie und Musikwissenschaften und sprach fließend zehn Sprachen.

Prinz Ernst Heinrich von Sachsen, Mein Lebensweg vom Königsschloß zum Bauernhof, München 1968
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Autorin

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Sprachtalent

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Imkerin

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Reiterin

Menschenbildnisse

Mathilde malt viele Personen, aber, in den bisher bekannten Werken, nie Mitglieder der königlichen Familie.

Zum Beispiel sitzt ihr für ein Gemälde die zwölfjährige Martha Helene Eleonore Völkel Modell, ein bürgerliches Mädchen aus der Nachbarschaft. Die näheren Umstände sind heute nicht mehr bekannt.

Während des Ersten Weltkrieges malt Mathilde auch Soldaten. Ein Teil der Gemälde entsteht vermutlich in dem von ihrer Schwester Maria Josepha (1867–1944) im Palais Augarten in Wien eingerichteten Lazarett. Von ihnen werden Postkartenserien angefertigt, die der Kriegsfürsorge zu Gute kommen. Mathilde hatte nach dem Tod von Königin Carola (1833–1907) deren Patronat verschiedener wohltätiger Stiftungen übernommen.

 

Ein besonderes Augenmerk Mathildes gilt den Bediensteten und Angestellten des sächsischen Hofes. Ihre Bilder vom Hoftrompeter, Reitknecht oder Gondolier geben einen Eindruck von den Menschen, die für das Funktionieren des Hoflebens unerlässlich waren. Auch davon entstehen Farbdrucke für wohltätige Zwecke. Sie kommen dem Maria Anna-Kinderhospital in Dresden zur Fürsorge für Lungen- und Tuberkulosekranke zu Gute. 

 

Zu einem Diener hat Mathilde eine besondere Beziehung: Paul Delank steht von 1905 bis zu ihrem Tod 1933 als Lakai, Diener in Livree, in ihrem Dienst. Er begleitet sie auf vielen Reisen und zieht 1918 nach Hosterwitz, in den Küchenbau der dortigen Villa. Auch nach Mathildes Tod bleibt seine Familie dort wohnen.

 

Aus diesem Dienstverhältnis ist ein Charakterbild von Mathilde überliefert, das sie keineswegs als eine missgünstige und arrogante Prinzessin beschreibt, wie es vermutlich durch die 1911 veröffentlichten Lebenserinnerungen der Luise von Toskana im Volksmund tradiert wurde.

 

Die Ausstellung Ihre Hoheit malt! – Prinzessin Mathilde als Künstlerin läuft noch bis zum 31. Oktober 2022 im Schloss Pillnitz. Begleitet wird sie von Illustrationen von Mathilde und Paul, die eine Nachfahrin des Dieners entworfen hat.


Letzte Änderung: 22.08.2022