Mehr über die Mode aus der Zeit der Schlossbewohner
Was wir tragen, war selten nur Mode. Kleidung formte Körper und spiegelte Macht sowie Moralvorstellungen. Ein Blick zurück zeigt: Wie feiner Musselin zur tödlichen Mode werden konnte, warum Diener Livree statt Lohn bekamen – und wie Reifröcke nicht nur Silhouetten, sondern auch soziale Grenzen formten.
Kleider machen Leute
Ob adlige Kinder in steifen Seidenkleidern, Dienstmägde in praktischer Alltagskleidung oder Damen mit ausladenden Reifröcken: Was man trug, zeigte, wer man war – oder sein durfte.
Was für ein Dresscode?
Heute wählen wir unsere Kleidung je nach Anlass – fürs Büro, das Fitnessstudio oder ein romantisches Date. Vor 300 Jahren hingegen war die Garderobe der meisten Menschen stark begrenzt. Die arbeitende Bevölkerung unterschied vor allem zwischen Alltags- und Sonntagskleidung. Ganz anders der Adel: Er kleidete sich nicht nur modisch, sondern auch anlassbezogen – zur Jagd in Samt und Wolle, zum Frühstück im Morgenrock, am Kamin im bequemen „Banyan“, einem kimono-artig geschnittenen Hausmantel. Kleidung war Ausdruck von Stand, Freizeit – und Privileg.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Im 18. Jahrhundert konnten adlige Herren ihren Wohlstand durch auffälligen Putz zur Schau stellen. Das Tragen von Perücken war vornehmlich ein männliches Privileg. Die bunte Farbpalette, vor allem mit Pink, zahlreiche Spitzen und Rüschen sowie Absatzschuhe – all das unterscheidet sich stark von dem Bild von Männlichkeit, das seit dem späten 19. Jahrhundert durch dunkle, gedeckte Farben, Unauffälligkeit und funktionale Kleidung geprägt ist.
Haarige Zeiten?
Lohn, Brot – und Klamotten
Die Dienerschaft wurde vom adligen Dienstherren eingekleidet. Oft war die Dienstkleidung – bei den höhergestellten Angestellten auch Livree genannt – Teil des Lohns. Im Haushaltsbuch des Schlossbesitzers Friedrich von Kleist ist die Anschaffung von „bockledernen Hosen“, „Husarenzeug“ sowie Stiefeln oder Leintuch für die Dienerschaft vermerkt.
Herrlich eingekleidet
Bewegungsfreiheit oder Status?
Die Arbeitskleidung der Magd war lockerer geschnitten als die der Herrschaft – kein Wunder: Wer Tiere versorgte, Eimer voller Wasser treppauf trug, Geschirr spülte oder einen Ofen anheizte, brauchte praktische und unempfindliche Kleidung. Der Rock war nicht so lang, das Schnürmieder nicht so eng, und die Ärmel waren weit geschnitten, sodass man sie hochkrempeln und die Arme frei bewegen konnte. Zum Schutz vor Schmutz trug die Magd eine Schürze, ein Halstuch und eine Haube.
Hätte die Hausherrin im Regen rasch über den Hof laufen oder einen Topf aus dem obersten Regal holen müssen, hätte sie in ihrer seidenen Robe damit wohl wenig Erfolg gehabt…
Unter die Haube gekommen
Wilkommen zum Maskenball
Ein Maskenball bei Hof war besonders unterhaltsam, konnte man doch für kurze Zeit ein Anderer sein und die strengen Verhaltensregeln mal umgehen. Maskenbälle, die auch außerhalb der Faschingszeit stattfinden konnten, boten eine Pause vom Zeremoniell. Man durfte sich rustikal geben, Rollen tauschen, und auf die Etikette pfeifen.
Verkehrte Welt
Beliebt waren Verkleidungen als mythische Figuren wie antike Götter, der Rollentausch zwischen Frau und Mann oder die Maskerade als „einfaches Volk“ – etwa als Handwerker, Schäferin oder Bauer. Solche rustikalen Zusammenkünfte nannte man „Wirtschaften“.
Bei der Verkleidung als Handwerker wurde jedoch nicht deren echte Arbeitskleidung imitiert, sondern nur typische Werkzeuge oder Erzeugnisse als Beigabe getragen oder abgebildet. In Schnittführung und Material waren die Kostüme nicht rustikal, sondern kostbar.
Von Schnürung bis Spielraum
Bequemlichkeit: Nebensache. Kinder wurden geschnürt wie Erwachsene, feine Stoffe verboten jede Bewegung. Schnürmieder, Reifröcke und Musselin wurden zu Symbolen von Eleganz – und Enge. Doch es regte sich Widerstand: erste Gedanken von Kindheit als Schutzraum, neue Schnitte, bequemere Kleidung.
Immer schön sauber bleiben!
Vor 300 Jahren waren viele Obertextilien schwer oder gar nicht waschbar. Gerade „feine“ Sachen, auch die für adlige Kinder wie Johann Centurius von Hoffmannsegg. Seide, Stickerei, Spitzenbesatz… auch bei vorsichtiger Handwäsche wären die Sachen ruiniert. Da hieß es wohl oder übel: Füße stillhalten
Kinderkleidung war immer schon praktisch?
Die kleinen Mädchen und Jungen trugen die ersten fünf bis sechs Lebensjahre Kleidchen, die sich auf den ersten Blick nur wenig unterschieden. Die Knabenkleider hatten Elemente aus der Herrenkleidung, wie beispielsweise Ärmelaufschläge und Frontverschlüsse wie bei Husarenuniformen. Mädchen trugen dafür fast immer eine Schürze.
Der Übergang zum ersten Paar Hosen bei den etwa sechsjährigen Knaben war wie der Schritt in ein vorgezogenes Erwachsenenalter. Die Mädchen trugen ab dem Alter dasselbe wie ihre Mütter, nur in klein, und wurden durchgehend an das Einschnüren gewöhnt. Die Knaben wurden in den ersten Lebensjahren ebenso geschnürt wie die Mädchen.
Kind sollte man sein..!
Später setzte allmählich eine Reform der Kinderkleidung ein, die das Schnüren ablehnte. Um 1800 wurde die Kinderkleidung – in Anlehnung an die Erwachsenenmode – bequemer.
"Musselinkrankheit"
Mode kann gesundheitsschädlich sein! Als sich um 1800 die Mode änderte, schnürten sich die Damen nicht mehr an der Taille ein, sondern trugen ein kurzes Mieder oder gar keines. Viel gesünder, möchte man meinen!
Die hauchdünnen Kleider aus Baumwoll-Musselin wärmten jedoch so gar nicht. In der kalten Jahreszeit wurden viele Trägerinnen krank, und trugen lebensbedrohliche Erkältungen und Lungenentzündungen davon.
Ringelpiez zum Anziehen – der Reifrock
Die Reifrockmode kam vermutlich von England aus gegen 1712 zunächst nach Deutschland und erreichte einige Jahre später Frankreich.
Es gab »große Reifröcke«, die mindestens vier nach unten hin größer werdende Reifen hatten, und kleinere, die nur etwa knielang waren. Diese wurden manchmal auch „Springrock“ genannt. Reifröcke waren vor 300 Jahren rund geformt, wenige Jahrzehnte später nahmen sie eine querovale Form an. An den meisten europäischen Höfen war dieser Reifrocktypus üblich.
Manche Damen haben statt Reifrock so genannte „Paniers“, auch „Poschen“ genannt, getragen – Hüftpolster zum Umbinden. Sie waren flexibler als der komplette Reifrock. So oder so half die Unterkonstruktion, das Gewicht der Überbekleidung zu tragen und die gewünschte modische Silhouette zu erzeugen.
Umweltschädliche Zutat
Röcke, die verboten sind…
Der Reifrock ist schon von Zeitgenossen diskutiert und verballhornt worden. Vorbehalte gab es viele: Es wurde etwa darauf hingewiesen, wie viel Platz die Damen damit in Kutsche oder Theater beanspruchen. Mediziner warnten vor dem Gewicht der Konstruktion, und Moralisten meinten, dass die schwingenden Röcke zu aufreizend seien und man darunter Schwangerschaften verstecken könne.
Mode-Mandat
Trauer nach Vorschrift
Textilien und Technik
Mode war teuer, Kleidung wertvoll – und nichts wurde weggeworfen. Vom Waschen bis zur Wiederverwendung bestimmten handwerkliches Können, Materialknappheit und soziale Normen den Umgang mit Textilien. Die industrielle Revolution und der koloniale Handel veränderten das Angebot, aber auch den Alltag: Neue Stoffe, Farben und Pflegegewohnheiten zogen langsam in das Leben der Menschen ein – mit Folgen bis heute.
Von Strümpfen und Recycling
Strümpfe und Socken vererben? Vor 250 Jahren schon! Textilien waren Wertgegenstände und kein Wegwerf-Artikel. Was noch gut war, wurde weiter benutzt. Und von der leinenen Unterbekleidung, deren regelmäßiges Wechseln und deren Waschbarkeit Teil der persönlichen Körperhygiene in einer Zeit ohne Badezimmer waren, konnte man eigentlich nie zu viel haben.
Strumpfwirkerei
Nice to have
Unter „Dinge, die wir heute nicht mehr brauchen“ fällt die Puderschürze.
Die adlige Friederike von Kleist hatte das aus gutem Grund: Beim Frisieren wurde manchmal ganz schön herumgestaubt. Zwar haben sich nicht alle Leute ständig die Haare gepudert, aber in besseren Kreisen doch regelmäßig. Bei den Damen wurden dazu die Haare zuerst in Locken gelegt und dann mit Pomade überzogen. Darauf kam eine Schicht Puder, was aus Reis-, Weizen- oder Kartoffelmehl bestand. Nach dieser Behandlung ließen sich die Haare in fast jede gewünschte Form frisieren. Die Damen waren bei diesem Vorgang in der Regel nur halbfertig angezogen. Wenn man fertig angekleidet war, wurde die fertige Frisur nochmals überpudert.
Am schönsten fiel das Puder dabei auf den Kopf, wenn man es erst nach oben warf. Dass man die kostbare Seide seiner Kleidung mit einer Schürze schützen musste – kein Wunder!
Wert und Preis
Was Kleidung damals teuer machte, war das Material, nicht die Arbeit. Heute ist es umgekehrt. Weil die Textilien Wertgegenstände waren, wurden Frauen als Mitgift in die Ehe Stoffe wie Leinenballen mitgegeben – eine Investition ins Leben.
Allerdings gab es auch schon vor 250 Jahren Probleme mit „Dumpingpreisen“. Die Oberlausitzer Leineweber exportierten ihre Waren buchstäblich in alle Welt. Ungünstige Verzollung sorgte manchmal dafür, dass das Leinen in entfernten Kolonien günstiger zu haben war, als am Herstellungsort, und das, obwohl es bis dahin schon tausende Kilometer transportiert worden war! Beim Erzeuger selber, meistens bescheidene Heimarbeiter, kam von dem volkswirtschaftlichen Reichtum des Exporthandels nur wenig an.
Nix mit Ariel…
Die Reinigung und Pflege von Textilien war Handarbeit. Bevor es Waschmaschinen gab, war das Waschen ein aufwändiger Vorgang, für den eigene Tage eingeplant wurden. Aber manche Kleider konnte man gar nicht nass waschen, ohne sie zu verderben. Da wurde sich mit Auslüften und Bürsten beholfen.
Bevor es Febréze Spray gab, konnte man Schweißgeruch auch mit einem Spray-Gemisch aus Vodka und Wasser zu Leibe rücken.
Neue Zeiten, neue Waren
Mit der Mode der napoleonischen Zeit um 1800 wird Baumwolle immer populärer. Gegeben hat es sie bei uns schon vorher. Als Importartikel aus den Kolonien war sie oft teurer und schwerer zu beschaffen als das heimische Leinen.
Vor 500 Jahren...
Trends und Politik
Vom französischen Königshof in Versailles bis in die Provinz – bis vor 1800 dauerte es einige Zeit, bis sich neue Moden durchsetzten. Frankreich galt lange als stilprägend, doch auch England setzte Zeichen. Selbst Militärmode prägte den zivilen Look. Kleidung war mehr als Zier – sie ist immer auch mit Zeitgeist und Politik verwoben.
Wie verbreitet sich Mode?
Bevor es ab den 1770er-Jahren Zeitschriften wie das Pariser Mode-Journal „Galerie des Modes“ gab, dauert es lange, bis sich eine Mode verbreitet hatte. Tonangebend waren die Herrscherhöfe, allen voran Versailles. Bis diese Trends aber aus den Hauptstädten in die Provinz oder gar andere Länder „durchsickerten“, waren sie am Hof selber längst wieder aus der Mode. Ähnlich zeitversetzt verhielt es sich mit der Nachahmung von adliger Mode in bürgerlichen Kreisen. Denn auch Leute mit weniger Geld wollten dem französischen Ideal möglichst nahe kommen.
Mit der Verbreitung so genannter Modekupfer, also detaillierten und farbigen Abbildungen, wurde der Prozess stark beschleunigt. In Monatsheften konnte man in Dresden erfahren, was in Paris der letzte Schrei war. Außer den Zeitschriften gab es ebenso lebensgroße Modepuppen, genannt Pandoras, die in die aktuelle Mode gekleidet in andere Länder verschickt wurden, um dort als Anschauungsmaterial für Schneidereien zu dienen.
Très Francais
Frankreich war in der Mode lange tonangebend. Das erkennt man an den ganzen Begriffen, mit denen Kleidungsstücke bezeichnet werden, wie etwa…
Kniebundhosen – Culottes
Lange Hosen – Pantalons
Unterkleid – Chemise
Rock – Jupe
Überkleid – Robe (je nach Form genant á l’Anglaise, á la Polonaise, á la Francaise…)
Jäckchen – Caraco
Frack – Justeaucorps
Selbst, wenn man gerade mit Frankreich im Krieg war, zeigten die neuesten „Modekupfer“ den letzten Schrei aus Paris. Wer es sich leisten konnte, kleidete sich auch direkt dort ein.
Rule, Britannia!
Wegen der Revolutionsereignisse in Frankreich ab 1789 geriet die französische Vormachtstellung in Sachen Mode ins Hintertreffen. Das politische Geschehen ließ kaum zu, dass die Zeitschriften wie gewohnt herauskamen. In diese Lücke drängte nun England als Leitnation des neuen Chic.
Die Briten hatten schon seit einer Weile einen eher schlichteren, bürgerlicheren Kleidungsstil vorgelebt. Anstatt der prunkvollen, reich verzierten Garderoben für einen Spiegelsaal in Versailles hatte man nun den praktisch, aber korrekt gekleideten Landadligen in seinem Landschaftsgarten vor Augen. Allerdings war das nur von vorübergehender Dauer. Unter Napoleon wurde Frankreich wieder zur Nummer Eins des Modegeschehens.
Military Style
Das Napoleonische Zeitalter (1789-1815) ging mit vielen Kriegen einher, in die auch die deutschen Fürstentümer und Königreiche verwickelt waren. Das Militär war allgegenwärtig, aber die Uniformen damals noch ganz anders als heute. Kein Flecktarn oder Khaki – um 1800 waren die Soldatenregimenter sehr farbenfroh, figurbetont und oft reich dekoriert. Gerade die vielen Kordeln und Knöpfe, die Tschakos, steifen Stehkragen und Jackenformen wie der extrem kurze Spencer oder der lange Reitmantel Redingote „schwappten“ in die Zivilkleidung und Hutmode über. Auch die Damen trugen militärisch Inspiriertes – berühmt war das Reitkostüm der jungen preußischen Königin Luise, einer Fashion-Ikone ihrer Zeit
Schwarz-rot-gold
Letzte Änderung: 03.07.2025













