Welche Bedeutung hatte Johann Gottlieb Fichte für seine Nachwelt?
Johann Gottlieb Fichte gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter des Deutschen Idealismus – einer philosophischen Strömung um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Fichte gehörte damit in den Gelehrtenkreis, in dem sich auch Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling bewegten. Neuartig an dieser Geistesströmung war, wie die Philosophen auf die Welt geblickt haben.
Nicht mehr der religiöse Glaube war der Ausgangspunkt aller Betrachtungen, sondern die Wissenschaft. Das passte in jene Zeit, in der die empirische Forschung begann, sich als wissenschaftliche Methode durchzusetzen. Mittels Befragungen, Beobachtungen und Experimenten gelangten die Menschen zu neuen Erkenntnissen über die Welt. – So auch Fichtes Zeitgenosse und ehemaliger Rammenauer Nachbar, Johann Centurius von Hoffmannsegg, der als Naturforscher die portugiesische Pflanzenwelt erkundete und erstmals systematisch dokumentierte.
Der Mensch soll zum Akteur seines eigenen Lebens werden
In der Philosophie wird der Mensch neuerdings als eigenständig denkendes und handelndes Wesen betrachtet. Fichte schrieb ihm eine aktive Rolle zu und forderte damit hierarchische Gesellschaftsstrukturen heraus. Schließlich lebte er in einer Zeit, wo die Lebenswege der Menschen per Geburt vorherbestimmt und Berufsaussichten klar umrissen waren. Anders als heute, war es per se ausgeschlossen, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten. In der Regel machten die Kinder das, was ihre Eltern taten. Damit blieb ein jeder auch in seiner jeweiligen sozialen Schicht.
Fichte wäre Leinenweber in Rammenau geworden, hätte er nicht eine großzügige finanzielle Unterstützung durch Ernst Haubold von Miltitz, den Onkel Johann Centurius von Hoffmannseggs, erhalten. Aufgrund der Tatsache, dass Fichtes Talent entdeckt und gefördert worden ist, konnte er seinen vorherbestimmten Lebensweg verlassen, auf eine höhere Schule gehen und später an den Universitäten in Jena und Leipzig Theologie studieren. Ohne diese Lebenserfahrung wäre Fichtes philosophische Kernaussage so nicht denkbar.
Fichte sagt, jeder Mensch muss sich seine Freiheit erhalten und mit seinem eigenen Tun das schaffen, was er sich an Zielen im Leben setzt.
Fichtes politische Vereinnahmung
Die Ideen des Philosophen wurden in der Vergangenheit politisch von verschiedenen Parteien vereinnahmt. Während des Nationalsozialismus dienten insbesondere Fichtes Reden an die deutsche Nation (1807/08) als ideologische Legitimation für nationalistische und antisemitische Positionen.
In der DDR wurde Johann Gottlieb Fichte als Vorläufer einer sozialistischen Gesellschaftsidee rezipiert. Man sah in ihm einen jener Philosophen, die das Weltbild von Karl Marx mitgeprägt und damit die marxistische Philosophie vorbereitet hatten. Anlässlich des 200. Geburtstags des Philosophen fanden vom 12. bis 20. Mai 1962 in Rammenau Fichte-Feierlichkeiten statt. In der Vorbereitung wurde das Schloss teilweise instandgesetzt und einzelne Räume für eine neue Fichte-Gedenkstätte hergerichtet. Der Schlosspark wurde in „Fichtepark” umbenannt und das im Jahr 1912 errichtete Fichte-Denkmal vom Pfarrgarten in den Schlosspark versetzt. Über 10 000 freiwillige Arbeitsstunden leisteten die Einwohner Rammenaus, um ihren Ort zu verschönern.
Fichte als Quelle der Ermutigung
Als die Menschen in Rammenau mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 und der Wiedervereinigung ein Jahr später ihr Leben völlig neu ordnen mussten, besannen sie sich auf ihren bekannten Dorfbewohner. Entmutigt durch Betriebsschließungen und Arbeitslosigkeit schöpften die Rammenauer neue Kraft, indem sie sich an Fichtes Worte erinnerten, wie Steffi Huste erzählt. „Er [Fichte] hat zum Beispiel gesagt: ‚Wir haben Vorrat an Mute!‘ oder ‚Kein Gott und kein Mensch kann uns helfen. Wir selber müssen uns helfen.‘ (…) [D]as kennzeichnet die ganze Entwicklung nach der Wende. Das Gewerbegebiet in Rammenau aufbauen oder erstmal erschließen und darauf hoffen, dass sich Firmen bei uns in Rammenau ansiedeln. Da brauchte man Mut, Vorrat an Mut.“
Um neue Einnahmen zu erzielen, entschloss sich die Gemeinde Rammenau, ihre touristische Attraktivität zu steigern. Über Alleinstellungsmerkmale musste sich der Ort keine Gedanken machen. Johann Gottlieb Fichte und das Barockschloss, das zu den am besten erhaltenen barocken Landschlössern zählt, sind seither eng mit dem Reiseziel Rammenau verknüpft.
Den Rammenauern ist noch etwas anderes gelungen, was ohne Fichte vielleicht nie passiert wäre. Das Dorf konnte sich nicht nur 2012 beim sächsischen Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ durchsetzen, sondern gewann auch ein Jahr später beim Bundeswettbewerb mit acht weiteren Dörfern die Goldmedaille. 2023 nahm Rammenau erneut am Bundeswettbewerb teil und gewann erneut eine Medaille – dieses Mal die Silberne.
Ob aber jemals es uns wieder wohlgehen soll, dies hängt ganz allein von uns ab; und es wird sicherlich nie wieder irgendein Wohlsein an uns kommen, wenn wir nicht selbst es uns verschaffen: und insbesondre, wenn nicht jeder Einzelne unter uns in seiner Weise tut und wirket, als ob er allein sei, und als ob lediglich auf ihm das Heil der künftigen Geschlechter beruhe.
Literatur und Quellen:
- Dreßler, Armin: Chronik des Fichte-Dorfes Rammenau, 1962.
- Fichte, Eduard: Johann Gottlieb Fichte. Lichtstrahlen aus seinen Werken und Briefen nebst einem Lebensabriß, nebst Beiträgen von Immanuel Hermann Fichte, Leipzig 1863.
- Gespräch mit Steffi Huste, 15.07.2024, unveröffentlicht.
- Knebel, D.: Berichterstattung, Fichte`s Geburtsort und Vaterland betreffend, in: Oberlausizische Gesellschaft der Wissenschaften (Hg): Neue Lausizische Monatsschrift, Erster Teil, Görlitz 1804, S. 105–109.
- Weinhold, Moritz (Hg.): Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten, Leipzig 1862.
- Zeltner, Hermann, "Fichte, Johann Gottlieb", in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), [Online-Version]; <https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532847.html#ndbcontent.>
Letzte Änderung: 27.06.2025
