Ausgestellt!

Stillleben in Wachs

Eine persönliche Hommage an Rebecca Stevenson

Miriam Röther /

Wachsskulptur der Künstlerin Rebecca Stevenson im Fasanenschlösschen
Das Moritzburger Fasanenschlösschen präsentiert bis 31. Oktober 2022 die außergewöhnlichen Plastiken der Künstlerin Rebecca Stevenson. Ihre Wachsskulpturen sind inspiriert von den üppigen Stillleben der Niederländer mit erlegtem Wild, Früchten und Blumen. Museologin Miriam Röther mit ganz persönlichen Eindrücken von der Ausstellungseröffnung.

Wir kennen es gut, dieses Fasanenschlösschen.
Kathrin und Frank heirateten darin im letzten Sommer.
Heute durfte ich begleitet kommen. Die Einladung freute mich und Kathrin, die Künstlerin des feinen Porzellans, sagte gerne ja.
Margitta hat alles angeschoben, die Macherin, die Zauberin im Hintergrund. Sie, die Ausstellungen am Fließband produziert, die richtigen Leute anspricht, arbeitet und forscht, immer chaotisch bis zur letzten Minute und dann – ist immer alles fertig und perfekt.
Ich sah sie noch mit dem Staubsauger und lachte herzlich über diese schrille Situation – das hatte ich nicht erwartet im Vorübergehen am Schlösschen, eine Stunde vor Beginn.
Die Techniker installierten draußen ein Stehpult, ein auffallender Kontrast zum Ambiente. Eine Polizeitrompete spielte sich ein. Das passte zum Staubsauger, zu Margittas Grinsen durch das Fenster.
Die Tür war zu, gut so.

Ich schwenkte zum Eis und den Freunden. Der Storch auf dem Mast hat sein Nest noch nicht bezogen.
Wir spazierten durch den Park, vorbei an traurig erhaltenen Brunnen und Skulpturen, den übrigen Relikten früherer Schönheit. Wir liefen vom Leuchtturm zum Damm und redeten von den Schiffen, die hier mal waren, dann traurig verrotteten an den Scheinufern der Dardanellen, nach den Schlachten und Vergnügungen der königlichen Repräsentanten.

Es war an der Zeit zu den Unsrigen zu gehen. Es empfing uns die komplette Band. Das Mikro funktionierte. Die Gäste rückten bis zur Hecke, es half nicht. Dort am Leuchtturm hätten sie spielen sollen, über das Wasser, für alle eine Freude. Der Direktor wunderte sich, aber alles blieb so. Keiner klagte, manche lachten oder fassten sich ans Ohr. Am Feeling muss noch gearbeitet werden.  Die Band tat mir etwas leid, sie spielten gut. Dann machten alle freundliche Mienen, rückten näher, fanden sich hinein und erwarteten die Reden.

Und es wurde geredet, auch sehr fein geredet, gedankt und erwähnt, besonders den Herren, selbst denen die gar nicht beteiligt waren – nur die Initiatorin kam etwas kurz. Dann endlich wurde auch die Künstlerin mit einem großen Strauß beehrt, nach leichter Irritation, ob dieser nicht doch der Band zustände. Nö, es fehlte wohl ein Strauß?
Margitta blieb wie immer im Hintergrund, erschöpft und glücklich, dass es nun soweit war und alle gekommen sind. Ich hoffte heimlich, dass sie den Strauß am Ende doch bekommt, weil die Künstlerin ja zum Flieger muss ...
Dann gab es Schnittchen und Wein und in Häppchen durfte man auch hinein ins Kleinod.

Wir zogen es vor zunächst die Sonne, den Wein und die Abendstimmung zu genießen, um später entspannt das Schlösschen zu sehen und die Kunst. Vor allem die.
Von unten am Treppensims schon das Wildschwein, schon immer da und aus Stuck, nur heute sah ich es bewusst und oben, diffus im Licht, genau richtig platziert das erste Objekt: ein Hase, kopfüber, kunstvoll drapiert. Schön denkt man sich und dann, upps … da stimmt was nicht und schon ist die Künstlerin am Ziel? Alles zusammen wunderschön, sinnlich, lustvoll, krass, Bezug zum Selbst, zum Wir, politisch. Nachdenken.
Wir schlüpften in die Pantoffeln, zogen Handschuhe an und begegneten wenigen Gästen.
Die anderen waren nun beim Wein und schwatzten an den Stehtischen draußen.
Genauso wollten wir es.

Parterre in den ersten Räumen begegnete mir eine alte Dame. Sie wurde von zwei, etwas jüngeren Frauen begleitet. Die Dame murmelte etwas wie „hier hat sie mal gesessen und die Karten abgerissen, hört Ihr?“. Sie war an einem Ort ihrer Erinnerung und keiner hörte ihr zu. Ich fand nur schön, dass sie da war und flüchtete vor den schrill und fröhlich schnatternden Begleiterinnen.

Später, unverhofft allein im Raum. Ich stand diagonal gegenüber der Komposition unserer Endlichkeit? Ich sah diese kleine Totenköpfchenskulptur von Weitem gleich einer Pflanze durch das Objektiv.
Neben mir betrat die Dame den Raum, ging langsam zum Tisch, dann zum Fenster links daneben und schaute hinaus.
Dieser unendliche Moment, diese kleine Sekunde des Spiegelbildes und der Krückstock neben ihrem alten, etwas gebeugten Körper. Dieses Bild war mir nicht möglich festzuhalten. Zu ehrfürchtig, zu grenzüberschreitend empfand ich diesen, ihren privaten Augenblick. Und schon waren da auch wieder die beiden fröhlichen Begleiterinnen und ich ging weiter und dachte an die Elstern.

Danke Rebecca, erst daheim wollte ich es aufschreiben, damit das Puzzle kompletter wird in meinem Kopf. Alles sah ich nicht. Ein Grund meinem Liebsten alles zu zeigen, alles noch einmal in anderem Licht zu sehen.
Kommt gut heim nach London, Du an Deine Uni, um werdenden Künstlern das Machen und Sehen zu lehren, hab Dank für das Teilen in Deiner Sprache der Kunst.
Im frühen Morgen, am späten Abend sehen wir alles im besonderen Licht.

Wir freuten uns noch kurz mit Euch, unerwartet, unbezweckt über meinen Austausch mit den Exponaten im Bild und den eigenen, abstrusen Gedanken. Ein herzliches, gemeinsames Lachen.
Nun war es an der Zeit, es wurde kühl, wir wollten heim, genossen kurz die abendliche Stimmung im Park und ich sehr, dass Kathrin dabei war.

Miriam Röther sorgt als Museologin mit ihrem analytischem Blick für die Erfassung der Exponate und gibt auch in musealen Dingen einige Anregungen.


Letzte Änderung: 24.01.2020

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