Gartenkunst

Jeden Tag verschwindet ein Baum aus dem Großen Garten

Dr. Christian Schäfer-Hock /

Die Herbstsonne scheint durch die Bäume im Großen Garten Dresden
Rund 18.000 Bäume stehen im Großen Garten in Dresden. Täglich werden es weniger. Schuld ist der Klimawandel. Was Gartenfachkräfte und Forschende in einem neuen Projekt dagegen unternehmen.

Im Jahr 2016 mussten im Großen Garten in Dresden 20 Bäume gefällt werden. Im Jahr darauf waren es 36, 2018 bereits 54 und 2019 schon 100. Eine bedenkliche Entwicklung, die sich fortsetzte: 2020 gab es mehr als 500 Fällungen und 2021 kamen zahlreiche weitere Entnahmen hinzu! Die Ursachen sind Wassermangel, Pilzkrankheiten und Schädlingsbefall. Ausbleibender Regen und lange Hitzeperioden setzen die Bäume unter enormen Stress. Augenfällige Anzeichen für Probleme sind Baumkronen ohne Blätter.

 

Dahinter steckt der Klimawandel – manche sprechen gar von ‚Klimakrise‘ oder ‚Klimanotstand‘, denn die Lage ist bedrohlich, da große Teile Ostdeutschlands künftig mit noch geringeren Sommerniederschlägen und daher mit Wassernot rechnen müssen. Deswegen sind auch alle anderen historischen Gärten und Schlossparks im Schlösserland Sachsen, wie etwa der Schlosspark Pillnitz, gefährdet. Der teilweise über 200 Jahre alte Baumbestand in diesen Anlagen kann sich kaum mehr an veränderte Grundwasserstände oder Tage mit extremer Hitze anpassen.

Hinnehmen oder Handeln?

Das sich beschleunigende Sterben der Bäume hinzunehmen, ist keine Option – vor allem aus drei Gründen. Erstens: Die Parks und Gärten haben eine Vielzahl an Funktionen. Sie dienen der Erholung, sind Orte sozialer Begegnung, Ausflugsziel, Familientreffpunkt, Spielplatz, Oasen der Ruhe oder Konzertplatz und mit Sehenswürdigkeiten und Gastronomie auch Anziehungspunkte für Menschen von nah und fern. Gerade auch zum Erhalt dieser touristischen Funktion empfiehlt des Umweltbundesamt mehr beschattete Wege. Dafür braucht es Bäume. Der Große Garten ist mit seiner Flora zugleich ein Wasserspeicher und Klimafaktor für die Stadt Dresden. Mit seiner Fauna ist er Artenspeicher. Sterben die Bäume, gehen diese Funktionen für die Bürgerinnen und Bürger verloren.

 

 

Zweitens: Die Parks und Gärten sind Kultur-Denkmäler. Das heißt, wir als Gesellschaft möchten ihre innere und äußere Form, ihre Substanz, ihre Struktur, ja ihre Gestaltungsidee und Schönheit erhalten. Sterben zu viele Bäume, sind diese Denkmäler in Gefahr. Denn dann ändern sich im Großen Garten das Parkbild und die Sichtachsen und letztlich die gesamte Wahrnehmung des Gartens für die Besucherinnen und Besucher. Eine nachhaltig negative Wahrnehmungsänderung passiert zum Beispiel durch die verarmende Erlebbarkeit der Jahreszeiten („Ohne Eichen keine Eicheln.“) und durch die Veränderung der kleinklimatischen Verhältnisse (weniger Schatten, mehr Hitzespots).

Drittens: Die Kosten. Mehr und mehr Bäume zu fällen, ist teuer. Hinzu kommt der gesteigerte Pflegeaufwand für geschädigte, aber noch lebensfähige Bäume. Nachpflanzungen kosten ebenfalls Geld. Zudem sind geschädigte Bäume beim Stürmen besonders gefährlich und müssen mit zusätzlichem Aufwand gesichert werden. Wer soll die steigenden Kosten tragen? Die Frage, ob man Baumsterben einfach hinnehmen sollte, oder lieber etwas dagegen unternimmt, ist also klar beantwortet: Handeln ist angesagt. Aber wie?

 

 

Anpassungs- und Gegenmaßnahmen

Was kann getan werden gegen das klimabedingte Baumsterben? Es braucht Maßnahmen zur Anpassung an den Wandel, also zur Steigerung der Resilienz, und zugleich bedarf es gezielter Gegenmaßnahmen, die einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gGmbH (SBG) wird mithilfe einer Bundesförderung in Höhe von drei Millionen Euro in den nächsten drei Jahren in einem Projekt gemeinsam mit der TU Dresden, dem Barkhausen-Institut und der BTU Cottbus-Senftenberg in beide Richtungen arbeiten. Startschuss war im November 2021.

Nach einer differenzierten Zustandsbeurteilung der Bäume und Böden wird das Erdreich im Großen Garten und im Schlosspark Pillnitz an die neuen klimatischen Bedingungen angepasst. Es muss mehr Wasser aufnehmen und speichern, was z. B. durch die Anreicherung mit Pflanzenkohle erreicht werden kann, die wiederum klimarelevantes Kohlendioxid langfristig im Boden bindet. Um Pflanzenkohle vor Ort herzustellen, müssen technische Geräte angeschafft und wirtschaftliche Abläufe erprobt werden. Darüber hinaus entsteht ein Prototyp eines Gartenroboters, mit dem zukünftig die Wegepflege oder eine effizientere Bewässerung möglich sein könnte. Solche Roboter könnten die Gärtnerinnen und Gärtner künftig in Zeiten steigenden Pflegeaufwandes entlasten.

 

 

Verbesserte Böden und Wasserzufuhr nützen aber nichts, wenn Bäume schon zu krank sind, um erhalten zu werden. Deswegen wird geprüft, ob Baumschulen mit heimischen und zugleich widerstandsfähigen Arten und Sorten eingerichtet werden können. Diese und weitere Vorhaben im Projekt dürfen keine Insellösungen bleiben und müssen von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen werden, um nachhaltig wirksam zu sein. Daher stellen die Gartenfachkräfte und Forschenden alle Schritte des Projektes transparent vor und tauschen sich aktiv mit den Menschen in der Stadt aus: im Wissensportal und auf den Social-Media-Kanälen des Schlösserlands, in einem geplanten Podcast, in den Fachmedien der wissenschaftlichen Community, mit Ausstellungen, Parkseminaren, Diskussionen und Informationsangeboten. So können auch andere Gartendenkmäler – in Deutschland gibt es rund 35.000 – von den Erfahrungen in Dresden profitieren (und umgekehrt) und die Dresdnerinnen und Dresdner gestalten die Bewältigung des Klimawandels, der sie auch in vielen weiteren Lebensbereichen betrifft, aktiv mit.

Zum Weiterlesen und -hören:

Hüttl, Reinhard F./David, Karen/Schneider, Bernd U. (Hg.) 2019: Historische Gärten und Klimawandel. Eine Aufgabe für Gartendenkmalpflege, Wissenschaft und Gesellschaft, Berlin: de Gruyter.

Kühn, Norbert/Gillner, Sten/Schmidt-Wiegand, Antje (Hg.) 2017: Gehölze in historischen Gärten im Klimawandel. Transdisziplinäre Ansätze zur Erhaltung eines Kulturguts, Berlin: Universitätsverlag TU Berlin.

Schrumm, Anja/von Aster, Ernst-L. 2021: Historische Parks und Gärten im Klimastress. SWR2-Wissen-Podcast (28min).

Striefler, Christian 2021: Ein Gartendenkmal bewahren! Wie die Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten dem Klimawandel im Großen Garten begegnen. Eine Skizze: In: Dresdner Hefte. Beiträge zur Kulturgeschichte, 39. Jg., Heft 2 („Schau an der schönen Gärten Zier“. Gartenkultur in Dresden; Heft 146), S. 26-30.

Dr. Christian Schäfer-Hock hat den Start des Projektes zur Bewältigung des Klimawandels in historischen Gärten in den ersten Monaten begleitet und ist überzeugt, dass jeder Euro, der jetzt in die Anpassung an den Klimawandel investiert wird, sich in nicht allzu ferner Zukunft doppelt und dreifach auszahlen wird.


Letzte Änderung: 29.03.2022

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